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Dritter Teil. Industrie.
reich geworden ist, in Rußland, Belgien, Lolland und Dänemark nicht minder bedeutsam
für den allgemeinen Volkswohlstand ist und ein wichtiges Genußmittel liefert, das in
immer weitere Kreise des Volkes eindringt und hie und da bereits zu einem Nahrungs
mittel geworden ist.
Die Fortschritte in der Technik des Betriebes und in der Züchtung immer
zuckerhaltigeren Rohmaterials genauer zu verfolgen, ist hier nicht der Ort. Es sei
deshalb nur darauf verwiesen, daß in erfreulicher Weise die Industrie in Deutschland
auch räumlich an Ausdehnung gewinnt und nicht mehr, wie noch vor wenig Jahr
zehnten, auf Mitteldeutschland, Sachsen, Anhalt, Braunschweig und Schlesien beschränkt
ist. Ost- und Westpreußen, Posen, Pommern, Mecklenburg, Lolstein, Lannover,
Lessen und Rheinland sind heute wichtige Zentren des Zuckerrübenbaues geworden,
und gerade in diesen neuen Leimstätten dehnt sich der Anbau immer mehr aus. Nur
das mildere Klima Süddeutschlands scheint dem Gedeihen der Rüben nicht günstig,
und die eigenartigen Besihverhältnifse an Grund und Boden hindern ähnlich wie in
Sttdfrankreich die Ausbreitung der Industrie.
Die steigenden Ausbeuten zeugen von den Fortschritten der Technik und der
Leistungsfähigkeit unserer Rübenkultur, die durch wissenschaftlich begründete Samenzucht
ein unendlich viel wertvolleres Rohmaterial zu erzielen verstanden hat. Die Ergebnisse
der letzten Zeit sind um so bemerkenswerter, als die jetzige Gesetzgebung nicht wie
ausgangs der achtziger Jahre die Entzuckerung der Melassen begünsügt, sondern
wachsende Mengen derselben und damit große Quantitäten von Zucker als Futter in
die Viehställe der Landwirte zurückwandern.
Wie sich die Rübenzuckerproduktion der Welt in den letzten Jahren entwickelt
hat, und welchen Anteil daran Deutschland nimmt, zeigt die folgende Betrachtung:
Während Deutschland noch in den siebziger Jahren mit Österreich und Rußland
etwa gleichwertig war, aber hinter Frankreich durchschnittlich weit zurückstand, ändert
sich das Bild plötzlich in den achtziger Jahren. Deutschland tritt, allen anderen weit
voraus, an die Spitze aller Rübenzuckerländer und lieferte im Jahre 1884 nicht
weniger als 42,7 % der Gesamterzeugung. Die außergewöhnlich schnelle Vermehrung
der Produktion hatte aber zu einer schweren Krisis geführt, und die sinkenden Preise
veranlaßten in Deutschland einen Stillstand in der Entwickelung, den sich andere Länder
zu nutze machten, um ihrerseits die Lücke auszufüllen, die durch die in Deutschland
der Zuckcrindustrie allseitig gepredigte Produktionseinschränkung entstanden war. So
ist an dem Fortschritt in den nächsten 10 Jahren Deutschland kaum beteiligt, während
alle anderen Länder schnell ihre Produktion ausdehnen. Erst 1894/95 geht die deutsche
Industrie wieder sprungweise vorwärts, bleibt dann aber auf der einmal erreichten Löhe
annähernd stehen, während seine Mitbewerber auf dem Weltmärkte, namentlich Frank
reich, Rußland, Belgien, Lolland und die neuen Produktionsländer gerade in den
letzten sechs Jahren ihre Erzeugung in ungewöhnlicher Weise vermehren, zum Teil mehr
als verdoppeln. Dabei figurieren unter den „anderen Ländern" im letzten Jahre
Schweden bereits mit 111000 Tonnen, die Vereinigten Staaten mit 77 000, Italien
mit 60 000 Tonnen. Deutschland ist dadurch relativ zurückgedrängt, es liefert im Jahre
1900/1901 nur noch 32,7% des gesamten Rübenzuckers der Welt gegen 42,7 °/ 0 im
Jahre 1884/85.
Von einer „rücksichtslosen" Ausdehnung der „durch Prämien großgefütterten"
deutschen Zuckerindustrie kann also in den letzten Jahren gewiß nicht die Rede sein,
vielmehr haben andere Länder, wenn von einer Überproduktion gesprochen wird, in
weit stärkerem Maße dazu beigetragen als Deutschland. Auch der Kolonialzucker hat
in jüngster Zeit wieder einen größeren Anteil an der Versorgung des Welttnarktcs
genommen, und aus der durch die obigen Zahlen gekennzeichneten Entwickelungsgeschichte