9. Die Konfektionsindustrie.
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tausend anderen Fällen sind es ganz andere Dinge als die veränderte Produttions-
technik, die dem gewerblichen Kapitalismus zum Siege verholfen haben.
Leute ist die Konfektion eine der wichtigsten Zweige des gewerblichen Kapitalismus
in Deutschland geworden. And zwar ruht sie im wesentlichen noch heute auf der
hausindustriellen Organisation, nur daß in der Kleiderkonfektion häufig zwischen den
Lcimarbeiter und das Konfektionshaus „Zwischenmeister" treten, die dann die einzelnen
Arbeiter oder Arbeiterinnen in eigenen kleinen Werkstätten zu sechs, zehn, fünfzehn
vereinigen. Über die Verbreitung und Ausdehnung dieses wichtigen Industriezweiges
teile ich noch folgendes mit:
In Deutschland lassen sich für die Lerrenkonfektion drei Produttionsgebiete untere
scheiden: ein norddeutsches, ein süddeutsches und ein westdeutsches. Das norddeutsche
Produttionsgebiet hat seine Mittelpunkte in Berlin und Stettin. Der Lauptsitz, nicht
nur für Norddeutschland, sondern für ganz Deutschland, ist unstreitig Berlin, das
besonders in besseren Waren den Markt völlig beherrscht, aber auch sehr viele billige
Artikel fertigt. Das süddeutsche Produktionsgcbiet liegt vornehmlich in und um
Frankfurt a. M., Aschaffenburg, Nürnberg und Stuttgart. Das westdeutsche Produttions
gebiet umfaßt die rheinisch-westfälische Arbeiter- und Sommcrkonfektion. Seine Laupt-
sihe sind München-Gladbach, Barmen-Elberfeld und die Kreise Minden, Lerford,
Lübbecke, Stadt- und Landkreis Bielefeld. Die Damenkonfektion beschränkt sich auf
drei städtische Mittelpunkte: ihr Lauptsitz ist Berlin, das alle, namentlich bessere und
beste Ware erzeugt; in Breslau und Erfurt werden mittlere und Stapelartikel gearbeitet.
Alle Kleiderkonfektion haust zuin überwiegenden Teil in großen, zumeist sehr großen
Anternehmungen. Das größte Lerren- und Knabenkonfektionsgeschäft in. Breslau
fertigt täglich 1000—1800 Anzüge, das größte Damenmäntelgeschäft daselbst jährlich
200 000 „Piecen", d. h. Damenmäntel und Jacketts. 135 Personen sind allein als
Geschästspersonal angestellt. In Breslau sollen im ganzen 25—30 000 Schneider
und Schneiderinnen tätig sein, davon die große Mehrzahl als Leimarbeiter in der
Konfettion. In Stettin bestehen etwa 30 Geschäfte mit mehreren tausend Arbeitern,
in Aschaffenburg 6 Engrosgeschäfte mit etwa 2000 Arbeiten:. Der Absah dieser
Riescngeschäfte erfolgt nur zum kleinen Teil am Lerstellungsorte selbst, — die meisten
halten allerdings wohl stets ein Detailverkaufsmagazin — der überwiegende Teil der
Erzeugnisse wird in alle Welt versandt; aus Deutschland werden jährlich für mehr als
100 Millionen Mark, namentlich an Damenkonfektion, ausgeführt. Aber für viel mehr
bleibt im Inlande. Man schätzt den Wert der in Deutschland hergestellten Konfettions
waren auf etwa 400 Millionen Mark, den der Berliner Mäntelkonfcktion allein auf
120—130 Millionen Mark.
Die Wäschckonfektion, d. h. im wesentlichen die Lerstellung von Damen- und
Kinderwäsche, hat ihre Lauptsitze in Berlin, wo 30 Engrosfirmen etwa 5000 Arbeiterinnen
beschäftigen, in Breslau und Köln. Sie nimmt ihren Ausgangspuntt von zwei Seiten
her, von den Leinenhandlungcn und von den Nähschulen. Sie unterscheidet sich von
den übrigen Zweigen der Konfettion wesentlich dadurch, daß ihre Erzeugnisse früher
der Regel nach überhaupt nicht gewerbsmäßig, sondern in der Familie hergestellt wurden.