Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

7. Die Begründung der Handelsverträge von 1891 durch die Regierung. 395 
die Worte zusammengefaßt: „Entweder wir exportieren Waren, oder wir exportieren 
Menschen." Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Erwartung Caprivis bestätigt hat, 
daß eine zunehmende Bevölkerung unter der Herrschaft der neuen Handelspolitik in 
Deutschland Nahrung finden werde, — ist doch die Auswanderung nie so gering 
gewesen bei gleichzeitig beträchtlichen Überschüssen der Geburten über die Sterbefälle 
wie 1892—1900. 
Neu an diesen wirtschaftlichen Ausführungen der Regierung war eigentlich nur, 
daß solche Gedanken von der Regierung und nicht, wie bisher, von den Parteien auf 
dem linken Flügel des Reichstages ausgesprochen wurden. Gerade dies aber war 
allerdings ein veränderter Kurs gegenüber der Wirtschaftspolitik von 1879—90. 
Mit äußerster Sorgfalt vermied es jedoch damals die Regierung, irgend ein 
bitteres Wort gegen den früheren Reichskanzler Fürst Bismarck, der auch nach seinem 
Rücktritt an den bisherigen handelspolitischen Prinzipien festhielt, auszusprechen. Eine 
wesentliche sachliche Abweichung gegenüber der bisherigen offiziellen Auffassung gab sich 
allerdings auch darin kund, daß nunmehr Erwägungen der auswärtigen Politik 
für die Handelspolitik Deutschlands als bedeutsam anerkannt wurden. Auch unter 
Bismarck war die auswärtige Politik beim Handelsvertrag von 1862 von allergrößtem 
Einfluß auf die Handelspolitik gewesen. Seit 1879 jedoch war offiziell die Ansicht 
vertreten worden, daß man politisch gut Freund mit Staaten sein könne, denen gegen 
über man sich handelspolitisch möglichst abschließt. Es ist nicht zu leugnen, daß die 
sehr schwierige Aufgabe, handelspolitische Entfremdung nicht zu politischer Feindschaft 
auswachsen zu lassen, von dem Meister der auswärtigen Politik, Fürst Otto v. Bismarck, 
1879—90 gelöst worden war. 
Daß diese etwas paradoxe Theorie jedoch nicht ein jederzeit gültiges und für 
jedermann brauchbares Prinzip der Staatskunst sein konnte, war sonnenklar. Der 
Appell an den schlichten gesunden Menschenverstand in Caprivis Ausführungen, daß 
um des Dreibunds willen engerer handelspolitischer Anschluß an Osterreich-Llngarn und 
Italien nötig sei, wirkte so sehr überzeugend, daß zahlreichen Abgeordneten von streng 
schutzzöllnerischer Gesinnung dadurch das Eintreten für die Verträge erleichtert wurde. 
Es mußte den größten Eindruck machen, daß ein früherer preußischer General als 
Reichskanzler davor warnte, daß sich die europäischen Staaten „gegenseitig das Blut 
aussaugten", und daß er Deutschlands Interesse betonte, die politischen Verbündeten 
wirtschaftlich zu stärken. 
Es war dies auch ein Verlassen der 1879 vom Fürsten Bismarck vertretenen 
Maxime, daß es bei Pandclsverträgen darauf ankomme: „Qui trompe—t—on?“. 
Die Welt stand damals unter dem Eindrücke des in Kronstadt proklamierten französisch- 
russischen Einvernehmens, welches die Dreibundstaaten zu engerem Anschluß an 
einander geradezu zu zwingen schien. War doch femer Italiens Ausfuhr nach Frankreich 
durch den französisch-italienischen Zollkrieg schwer geschädigt und war doch schon unter 
Bismarck in einer Pinsicht dem Gedanken entsprochen worden, daß man den Bundes 
genossen im Süden für die wirtschaftlichen Folgen der Abkehr von Frankreich und des 
Anschlusses an Deutschland schadlos halten müsse. Im Einvernehmen mit offiziellen 
deutschen Kreisen war Ende der achtziger Jahre das Eintreten der deutschen Finanz 
mächte für den italienischen Staatskredit erfolgt, als der französische Markt einen 
Feldzug gegen italienische Werte eröffnet hatte. 
Wenn Caprivi vollkommen loyal zugab, daß politische Gründe gleicher Art nicht 
etwa zugunsten der Pandelsverträge Deutschlands mit den neutralen Staaten Schweiz 
und Belgien geltend gemacht werden konnten, so war anderseits — ohne daß es aus 
gesprochen wurde — leicht zu erraten, daß wirtschaftliche Freundschaft mit diesen 
neutralen, zwischen Deutschland und Frankreich gelegenen Gebieten jedenfalls den 
Friedensinteressen Deutschlands förderlich sein mußte.
	        
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