2. Das Verkehrswesen bei den Römern.
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reitet jetzt (wie z. B. in Süditalien, im Neapolitanischen) der einsame Wanderer auf
Saumpfaden durch unwegsame und unsichere Wildnisse, wo im Altertum lange
Karawanen auf prachtvollen Kunststraßen hinzogen.
Die völlige Zentralisation der Verwaltung und Regierung in Rom, die mit der
Begründung der Monarchie eintrat, machte ein umfassendes, über das ganze un
geheure Ländergebiet ausgedehntes Straßensystem zum unabweislichen Bedürfnis, in
administrativer, militärischer, merkantiler und politischer Linsicht. Die Lauptlinien dieses
Systems sind für die ganze Monarchie von Augustus gezogen worden, der hier eine Lebens
frage für das unter seiner Herrschaft vereinigte Weltreich erkannte und dem Gegenstände
eine seiner Wichtigkeit ganz angemessene Aufmerksamkeit widmete; er selbst übernahm
die Aufsicht über den Straßenbau in der nächsten Umgebung Roms. Auf dem Formn
errichtete er die sogenannte goldene Meilensäule (miliaritim aureum), vermutlich so
genannt, weil hier auf vergoldeten Bronzetafeln die Zielpunkte der in den Laupt-
richtungen auslaufenden Leerwege nebst den Entfernungen angegeben waren; noch jetzt
sieht man in der Nähe des Severusbogens den Anterbau des Monumentes, eine
dreifach abgestumpfte Basis mit Ziegelbekleidung. Die späteren Kaiser setzten das von
Augustus angefangene Werk fort und führten es zur Vollendung; um die Mitte des
3. Jahrhunderts n. Chr. ungefähr, darf man annehmen, umfaßten die Straßenzügc
schon das ganze römische Reich von der schottischen Grenze bis an die Nordküsten
Afrikas und wieder vom Atlantischen Meer bis zum Euphrat. Lim das Jahr
333 n. Chr. ist eine Wegekarte mit Angabe der Stationen und Entfernungen für Pilger
nach dem heiligen Lande abgefaßt; ein zusammenhängender, mit Meilensteinen versehener
Bau leitete damals die Reisenden von Bordeaux nach Jerusalem und von hier nach
der Südgrenze Ägyptens oder zum westlichen Llfer Afrikas. Die Kosten der Wege-
bauten in den Provinzen wurden aus den Einnahmen bestritten, die Ausführung
ungemein durch Verwendung der Garnisonen zu diesen Arbeiten erleichtert. Die
Arbeitskräfte der Legionen wurden überhaupt in ruhigen Zeiten in ausgedehntester
Weise zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, und gar manche imposante Werke der
Kaiserzeit, als Kanäle, Brücken, Läsen rc., sind durch sie ausgeführt oder im Stande
gehalten worden. Äbrigens arbeiteten auch Verbrecher an den Reichschausseen.
Interessant im hohen Grade ist es, was die Römer in bezug auf Griechenland
in dieser Linsicht taten. Als der Kaiser Nero den korinthischen Isthmus zum ersten
Male erblickte, erwachte in ihm der Wunsch, durch Ausführung eines gewaltigen
Bauwerkes, durch einen großen Sieg über die Gewalten der Natur seine kaiserliche
„Allmacht" recht deutlich ans Licht zu stellen. Er gedachte nämlich, die felsige Land
enge zwischen dem korinthischen und saronischen Meerbusen durchstechen zu lassen, um
durch ein solches Werk ähnliche Großtaten der Vorzeit in Schatten zu stellen und
wahrscheinlich auch den Ruhm seiner Vorgänger auf dem römischen Throne, die sich
mit demselben Plane getragen hatten, durch dessen wirkliche Durchführung zu überbieten.
Sofort wurden also alle nötigen Vorbereitungen zu dem Kanalbau getroffen; von allen
Seiten wurden Arbeiter herbeigeführt, die Strafgefangenen von den griechischen Inseln
nach dem Isthmus gebracht, auch die Prätorianer zur Teilnahme an den Arbeiten
bestimmt, die Arbeiten selbst — anscheinend gegen Ende des Jahres 67 — feierlich
eröffnet. Allein die demnächst mit furchtbarer Gewalt ausbrechenden Thronkämpfe im
römischen Reiche vereitelten jeden Gedanken an die Fortsetzung der Kanalbauten; der
angefangene Graben blieb liegen, — ein treues Symbol der Cäsarenwirtschast jener
Periode, wo gerade an den besseren und wohltätigen Schöpfungen und Plänen der
Regenten der Charakter des Zufälligen und der Gewähr auf Dauer Entbehrenden
fortwährend wie ein Fluch haftete.
Einem anderen römischen Kaiser war es vorbehalten, für die Griechen etwas
Großartiges zu schaffen. Es war dies Ladrian. Dieser war darin ein echter Römer,