Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5. Der Kampf der Verkehrsmittel im Stromgebiete des Rheins. 413 
Jahren zeigte das Verhältnis der beiden Interessentengruppen keine Trübung und 
entsprach vollkommen den schönen Erwartungen, die daran geknüpft wurden, so daß 
die Schiffahrtsgesellschaft nicht dankbar genug die „loyale und rücksichtsvolle Behandlung 
anerkennen" konnte, die ihr von der Direktion jenes Staatsuntcrnehmens zuteil ward. 
Die nämliche Eisenbahn, die sich hier als Fortsetzung der bis Mannheim geführten 
Rheinschiffahrtslinien erwies und mit der mittelrheinischen Dampfergesellschaft gemeinsam 
arbeitete, war mit dem preußischen Schiffahrtsunternehmen in ununterbrochenem 
Konkurrenzkampf begriffen, wie dies bei Fertigstellung neuer Bahnlinien bald die 
Regel wurde. Einmal weil sie gleich günstige Anschlußverhältnissc nicht mehreren 
Dampfschiffahrtsdirektionen bieten konnte, dann aber auch vor allem, weil die preußischen 
Schiffe nicht in Mannheim ihre Waren in das rollende Material überluden, sondern 
mit diesen aufwärts bis Straßburg fuhren. 
Ungeachtet des so zwischen beiden Transportarten entbrennenden Wettkampfes 
lieferten namentlich die Talfahrten auf dem Rhein zwischen Straßburg und Mannheim 
zunächst noch ziemlich günstige Resultate, so daß man das Fortbestehen der Dampf 
schiffahrt auf dem Oberlauf um so zuversichtlicher erwarten durfte, als auf demselben 
bedeutende Verbesserungen in der Strombahn und an den Aferbauten zum Vorteil der 
Schiffahrt ausgeführt wurden. Diese Hoffnungen erwiesen sich jedoch nur zu bald als 
trügerisch. Denn wenn auch die Benützung der Rheinstraße in der Folgezeit im 
allgemeinen zunahm, war an dieser Erscheinung doch die Flußstrecke oberhalb Mann 
heims nicht beteiligt. Auf ihr ging der Verkehr unter der Konkurrenz der dorügen 
Eisenbahnen bald rasch zurück. Zwischen Basel und Straßburg kamen schon 1847 
Kaufmannsgüter fast gar nicht mehr auf die Wasserstraße, sondern wurden teils auf 
der französischen, teils auf der badischen Bahn befördert. Auch weiter abwärts bis 
Mannheim kämpfte die Schiffahrt, die auf dieser Stromstrecke schwierig und wegen 
der Rheinzölle teuer war, vergeblich gegen die badische Eisenbahn, die wirklich geringe 
Frachtpreise forderte. Im Jahre 1855 war der Kampf zugunsten der Eisenbahnen 
am Oberrhein endgültig entschieden. Die Kölner Gesellschaft gab die Fahrten von 
Mannheim bis Straßburg als unlohncnd auf, da sie für ihre durch schlechtes Fahr 
wasser behinderten, durch Zölle und Rekognitionsgebühren verteuerten Reisen beim 
Wettbewerb der Schienenbahnen keine Transportgegenstände mehr finden konnte. 
Am Mittel- und Llnterrhein traten die Resultate des Wettbewerbs zwischen 
Eisen- und Wasserstraßen viel weniger offensichtlich zu Tage, eine entschiedene Lleber- 
legcnheit eines der beiden Konkurrenten machte sich nicht dauernd geltend. Nur von 
kleineren Schiffahrtsunternehrnungen hören wir, daß sic der Konkurrenz der Eisenbahnen 
unterlagen. Beispielsweise zeigte der Marktschiffer Länlein zu Mainz am 3. April 1845 
der dorügen Bürgermeisterei an, daß er die Marktschiffahrt Mainz—Frankfurt nicht 
mehr weiterführen könne, da ihm die Taunuseisenbahn alle Kunden abspanne. Die 
Bürgermeisterei machte dann Versuche, einen anderen Fahrtenkundigen zum Betrieb 
der Marktsegelschiffahrt zwischen Mainz und Frankfurt zu finden und so ein Gegen 
gewicht gegen die Marktdampfschiffahrt der Gebr. Ohlenschläger zu erhalten, allein 
ihr Mühen blieb allem Anscheine nach vergeblich. So war das Institut der Markt- 
schiffahrt, wie es sich seit Jahrhunderten herangebildet und in den Tagen der Oktroi 
konvention neu gestaltet hatte, auf seiner wichtigsten Linie der zweifachen Konkurrenz 
der Dampfmotoren zu Wasser und zu Lande endlich erlegen. In der Folge konnten 
die großen Marktnachen, soweit sie auf Segel und Leinzeug angewiesen blieben, sich 
nur als Verbindungen zwischen den größeren Marktplätzen und den nächstgelegenen 
Ortschaften behaupten. 
Für die Dampfschiffahrtsgesellschaften am Mittel- und Niederrhein wurde der 
Ausfall zunächst weniger beim Güter- als beim Personentransport fühlbar, da viele 
Reisenden die Schnelligkeit der Eisenbahn der Bequemlichkeit, welche die Wasserfahrten
	        
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