Full text: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

424 Fünfter Teil. Verkehrswesen. III. Eisenbahnwesen. 
bans, nur die besten oder am leichtesten zu bauenden Linien aus, während die 
unrentablen Linien ungebaut bleiben oder später dem Staate zur Last fallen. Dies 
ergebe auch ein zersplittertes Netz, mit seinen ungünstigen Folgen für das Land wie 
für die Verwaltung der Bahnen selbst. Der Staatsbahnbau verbürge demgegenüber 
eine vollständige und systematische Netzesbildung, zumal die Überschüsse der guten, 
ertragreichen Linien die Ausfälle der minder rentablen oder Defizit-Linien, wenn in der 
Land des Staats vereint, decken. 
Dieser Einwand gegen Privatbahnen trifft ersichtlich nur bei einem mangelhaften 
Konzessionswcsen zu, wenn planmäßige Konzessionierung und die angemessene Kom 
bination der Laupt- und Nebenlinien in je ein einheitliches konzesfioniertes Netz 
versäumt wird. Übrigens hat der Staat auch andere Mittel, die Überschüsse der 
großen Lauptlinien dem Bau der schwachen Nebenlinien beim Privatbahnsystem 
gleichfalls zuzuwenden: Ausbedingung eines Anteils am Reinerträge oder entsprechende 
Spezialbesteuerung der rentierenden Hauptbahnen, um dadurch die Mittel zur Sub 
ventionierung der Nebenbahnen zu erlangen. 
Dem Staatsbahnsystem schreiben andererseits seine Gegner ebenfalls seine un 
günstige Seite in bezug auf den vorliegenden Punkt zu. Da bei Feststellung des 
Netzes seitens der Regierung und resp. Volksvertretung andere Momente mitentscheiden, 
z. B. Rücksicht auf die Staatsfinanzen oder politische Rücksichten, wie mechanisch 
gleichmäßige Bedachtnahine auf alle Landesteile, um keine Klage wegen Zurücksetzung 
hervorzurufen, oder Erfüllung von Anforderungen anläßlich der Wahlen rc., so entsteht 
die Gefahr, das Bahnnetz entweder zu wenig zu entwickeln oder es übermäßig aus 
zudehnen. Obschon für beide Fälle Erfahrungen vorliegen (auch in Deutschland), so 
ist doch auch hierin kein dem Staatsbahnwesen notwendig anklebender Mangel zu 
erblicken. Eine weise Verwaltung kann denselben vermeiden. 
2. Zeitliche Entwicklung des Bahnnetzes. Der Privatbahnbau hänge 
weit mehr als der Staatsbahnbau von der jeweiligen Lage des Geldmarkts ab und 
komme in größerem Auffange nur periodisch in Spekulationszeiten in Gang, wie die 
verschiedenen Eisenbahnmanien beweisen. Daher entwickle sich das Privatnetz nur 
sprungweise; bald stocke der Bau, selbst guter Strecken, bald werden durch den Einfluß 
von Privatintcrcssen unwichtige Routen vorzeitig gebaut, bald zeige sich eine wahre 
Bauwut mit der für die Volkswirtschaft so schädlichen Folge der plötzlichen De- 
plazierung großer Kapitalien, die überdies zum Teile schlecht angelegt würden. Der 
Staat könne den Bau viel gleichmäßiger im Gang halten. 
Auch diese Fehler lassen sich beim Privatbahnsystem verhindern: durch plan 
mäßige, wohlgeleitete Konzessionierung, welche je nach Ümständen anregt oder zurückhält 
und sich Privatinteressen nicht zugänglich erweist. Die tatsächlichen Vorkommnisse der 
Eisenbahngeschichte, aus welchen obiger Einwurf abgeleitet ist, wirken zudem als gute 
Lehren für die Zukunft, und die unleugbare größere Abhängigkeit der Privatbahnen 
von den Wechselfällen des Geldmarkts und der Spekulation (die auch nur im 
allgemeinen und nicht bezüglich großer wohlfundierter Gesellschaften gilt) ist kein 
ausschlaggebender Amstand; nichts hindert übrigens den Staat, den Privatbahnen 
eventuell zeitweilig durch Intervention mit seinem Kredite zu Äilfe zu kommen. 
3. Kapitalbeschaffung. Bezüglich dieser wird gegen Privatbahnen zweierlei 
angeführt. Einerseits, daß dieselbe zu unlautcrn Börsenmanövcrn und zur Nährung 
der Agiotage Gelegenheit gebe, deren Quelle man durch das Staatsbahnsystem verstopfe. 
Jedermann wird die bezüglichen Ausschreitungen, die im Laufe der Eisenbahngeschichte 
in verschiedenen Ländern vorkamen, verurteilen, allein cs dürfte schwer sein, dem Staate 
die Fähigkeit abzusprechen, auch anderweitige Vorbeugungsmaßregelit (entsprechendes 
Aktiengeseh, Staatsaufsicht) zu treffen, welche wenigstens bis zu einem in menschlichen 
Dingen unvermeidbaren Vollkommenheitsfehler wirksam werden. Daß die Titres der
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.