Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

430  Fünfter  Teil.  Verkehrswesen.  III.  Eisenbahnwesen.
ernannte  eine  Deputation  zur  Ausführung  des  Planes.  Der  Landtagsabschied  der
Regierung  erfolgte  erst  am  22.  Juli  1832  und  versprach  Vorarbeiten  für  den  Fall,
daß  „eine  Aktiengesellschaft  den  Bau  auf  Privatkosten  übernehme,  wozu  der  Staat
durch  Übernahme  von  Aktien  eine  angemessene  Beihilfe  gewähren  würde."  Mehr
könnte  nicht  zugesagt  werden,  „da  das  jetzige  Kommunikationsbedürfnis  durch  die
vorhandene  Chaussee  gesichert  sei,  die  künftige  kommerzielle  Wichtigkeit  der  Anlage  auf
unsicheren  Voraussetzungen  beruhe  k.“  Durch  die  Schrift  „Die  Eisenbahn  von
Minden  nach  Köln"  (März  1833)  suchte  Äarkort  auf  den  Gemeinsinn  der  Privaten
zu  wirken,  aber  mit  geringem  Erfolge.  Für  die  Teilstrecke  Kemnade—Elberfeld  gelang
es,  die  Minister  des  Innern  und  der  Finanzen  zu  interessieren,  welche  Staatsbau  auf
Grund  einer  Staatsanleihe  im  Ministerratc  befürworteten,  aber  hier  von  der  Mehrheit
überstimmt  wurden,  welche  auf  die  Kgl.  Verordnung  vom  17.  Januar  1820  hinwies,
wonach  Staatsanleihen  nur  „zur  Förderung  des  allgemeinen  Besten"  aufgenommen
werden  dürften.
Da  der  Westfälische  Landtag  auch  in  seiner  Session  1833/1834  die  Eisenbahnverbindung ­
  von  der  Weser  zum  Rheine  betrieb,  erwirkte  er  einen  günstigeren,  aber
zunächst  nur  in  allgemeinen  Zusagen  sich  haltenden  Landtagsabschied  (30.  Dezember  1834).
Erst  das  Jahr  1835  brachte  Erfolge.  Fast  gleichzeitig,  da  im  Mai  1835  für  die
Leipzig—Dresdener  Bahn  das  Aktienkapital  gezeichnet  war,  traten  am  19.  Juni  1835
in  Elberfeld  43  angesehene  Männer  zusammen,  die  sich  zur  Übernahme  von  Aktien
für  die  Bahnstrecken  Elberfeld—Düsseldorf  und  Elberfeld—Witten  „als  Sektion  der
Rhein-Weser-Bahn"  verpflichteten.  Die  erstere  Strecke  wurde,  nachdem  Stephcnson
sie  begutachtet  hatte,  alsbald  in  Angriff  genommen,  die  Teilstrecke  bis  Erkrath  am
20.  Dezember  1838,  die  ganze  Bahn  am  3.  September  1841  eröffnet.  Die  Strecke
Elberfeld—Witten  kam  nicht  zu  stände.  Erst  einer  späteren,  der  1843  gegründeten
Köln-Mindener  Gesellschaft,  bei  welcher  der  Staat  ein  Siebentel  der  Aktien  zeichnete,
gelang  die  Durchführung  des  ganzen  Planes,  von  dem  jene  Linie  einen  Teil  bilden
sollte,  aber  nunmehr  über  Lamm  —  Dortmund  —  Duisburg—Düsseldorf  nach  Köln
(1845—1847  vollendet).
Der  erste  handgreifliche  Erfolg  des  deutschen  Eisenbahnwesens  fällt  ebenfalls  in
das  Jahr  1835.  Am  7.  Dezember  1835  wurde  die  erste  deutsche  Eisenbahn  mit
Dampfbetrieb  zwischen  Nürnberg  und  Fürth  eröffnet.  Nachdem  dort  seit  1814
(durch  den  Techniker  I.  v.  Baader)  eine  Pferdebahnverbindung  angeregt  worden,  war
es  im  Jahre  1832  ein  Bürger  Nürnbergs,  Joh.  Scharrer,  der  (durch  preußische
Techniker  veranlaßt)  in  der  Bürgerschaft  der  beiden  beteiligten  Städte  den  Plan  zur
Durchführung  brachte.
Die  vorhin  erwähnte  Begründung  der  Leipzig-Dresdencr  Bahn  ist  das  Werk
desjenigen  Mannes,  welchem  einer  der  ersten  Plätze  in  der  Geschichte  des  deutschen
Eisenbahnwesens  gebührt,  —  Friedrich  Lifts.  Von  den  Vereinigten  Staaten
zurückgekehrt,  hatte  er  die  dort  gewonnenen  Eindrücke  mit  prophcttscher  Begeisterung  in
Deutschland  mitgeteilt  und  agitatorisch  verbreitet.  Zunächst  stieß  er  auf  Unglauben  der
entscheidenden  Kreise,  bis  seine  Niederlassung  in  Leipzig  und  seine  Schrift  (1833)
„Über  ein  sächsisches  Eisenbahnsystem  als  Grundlage  eines  allgemeinen  deutschen
Eisenbahnsystems,  insbesondere  über  die  Anlage  einer  Eisenbahn  von  Leipzig  nach
Dresden"  den  Grund  zu  der  Bahn  Leipzig—Dresden  legte,  indem  eine  Reihe
angesehener  Leipziger  Bürger  dafür  gewonnen  wurde.  Mit  denen  vereint  brachte  List
es  dahin,  daß  am  14.  Mai  1835  mit  einem  Schlage  das  ganze  Attienkapital  von
2  Millionen  Talern  gezeichnet  wurde.  Die  Eröffnung  der  Bahn  erfolgte  am
7.  April  1839.  List  hatte  sie  bereits  in  seinem  Prospekt  als  „großes  Nationalunternehmen" ­
  bezeichnet,  das  sich  als  „Anfang  und  Mittelpunkt  eines  allgemeinen
deutschen  Eisenbahnsystems"  empfehle.
            
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