438 Fünfter Teil. Verkehrswesen. III. Eisenbahnwesen.
Die Erbauung der Gotthardbahn war nur die folgerichtige Durchführung eines
noch bedeutsameren Gedankens, der Verbindung von Europa und Asien mittelst des
Suezkanals. Solange diese zentrale Alpcnbahn fehlte, stießen die Schiffe, welche
durch den Suezkanal und das Mittelmeer fuhren, in ihrem natürlichsten Zielpunkte,
im Lasen von Genua, auf verschlossene Türen; das vorliegende Alpengebirge machte
Genua zu einer Sackstation im Weltverkehr, zu einem Verkehrspunkte von bloß
beschränkt lokaler Bedeutung. Die Gotthardbahn hat dieses massive Tor gesprengt.
Geographisch genommen, bildet sie die direkte und unmittelbarste Fortsetzung, das
eigentliche Schlußglied der Welthandelslinie vom Orient nach dem Innern Europas.
Genua soll wiederaufblühen und mit seinen Rivalen, Triest und Marseille,
erfolgreich zu Felde ziehen. Italien soll wiederum in den Mittelpunkt des großen
Weltverkehrs gestellt werden. Dies ist die eine Seite der Aufgabe der Gotthardbahn.
Die Gotthardbahn soll aber nicht bloß die wirtschaftlichen Bande zwischen Europa
und den übrigen Weltteilen fester knüpfen, sondern auch innerhalb Europas neue
Beziehungen anbahnen zwischen Italien und den nördlich der Alpen gelegenen Ländern.
Wie dringend es not tat, für die letzteren Beziehungen noch eine vierte Alpenbahn
zu schaffen, das zeigen am besten die Zahlen für die Entfernungen der früheren
Alpenbahnen voneinander.
Zwischen der Küstenlinie, die sich von Genua nach Toulon hinzieht, sagen wir,
zwischen Nizza und dem Mont Cenis besteht eine Entfernung von 160 km
zwischen dem Semmering und dem Brenner eine solche von 330 „
zwischen dem Mont Cenis und dem Brenner eine solche von 420 „
oder, längs der ziemlich gewundenen Alpenkette gemessen, sogar eine solche von 480 „.
Es war also gerade das Zwischenstück zwischen Mont Cenis und Brenner das weitaus
größte bahnlose Gebiet der ganzen langgestreckten Alpenkette, was für Italien um so
verhängnisvoller ward, als dieses bahnlose Stück sich seiner ganzen Ausdehnung nach
an Oberitalien anlehnt. Es ist daher auch nicht zu verwundern, wenn trotz Mont
Cenis und trotz Brennerbahn die nördlich der Alpen gelegenen Länder zum großen
Teil Italien nach wie vor wirtschaftlich durchaus fremd blieben.
In dritter Linie ist die Gotthardbahn auch von nicht unerheblichem lokalen
Interesse. Sie durchzieht die Schweizerkantone Schwyz, Llri und Tessin. Sie ist das
einzige moderne Verkehrsmittel dieser drei Kantone und hat daher einen nicht uner
heblichen Lokalverkehr.
Wir haben demnach bei der Gotthardbahn alle Stufen und Variationen des
verkehrswirtschaftlichen Getriebes vertreten; sie dient dem Verkehr von Dorf zu Dorf,
von Land zu Land, von Weltteil zu Weltteil; sie spannt ihre weitfassenden Flügel
gleichsam über die gesamte menschliche Wirtschaft. Weil aber dies der Fall ist, müssen
wir die Gesamtausgabe der Gotthardbahn auch von einem allgemeineren und ungleich
höheren Gesichtspunkte aus zu beurteilen wissen, als wie es die Mehrzahl der übrigen
heutigen Verkehrslinien erfordern mag. Weil in neue, für Zcntraleuropa bis dahin
zu einem guten Teil verborgene Gebiete führend, hat die Gotthardbahn dem unablässig
schaffenden Prinzipe der internationalen Arbeitsteilung neue Pfade gewiesen und
derselben neue Tore geöffnet und damit auch der gesamten menschlichen Kultur die
Wege zu höheren Bahnen und zu höheren Zielen geebnet.