470 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
Iay Gould. Es sind Beutezüge im Stile des mittelalterlichen Raubrittertums, denen
Gould den Stock seines ungeheuren Vermögens zu danken hat. Wir geben hier nach
ziemlich zuverlässigen Quellen die Beschreibungen einer Episode aus seinem Leben, seiner
Beteiligung am sogenannten Black Friday, und nach minder genauen die seiner
Täügkeit anläßlich der Börsenkatasttophe vom November 1890.
Der Black Friday ist ein Septembertag des Jahres 1869. Während des
ainerikanischen Bürgerkriegs hatten die Nordstaaten Papiergeld emittiert. Dasselbe
blieb, nach glücklicher Beendigung des Krieges, vorläufig im Verkehr. Doch hatte der
Dollar in Papier jeweils einen geringeren Wert als der Dollar Gold, und 1867
war das Agio zugunsten des Goldes durchschnittlich etwa 30 %. 3. Gould operierte
damals an der New Yorker Börse. Lind 1867 hatte er sich mit einigen Genossen
zusammengetan, um das Goldagio in die Äöhe zu treiben. Er und seine Verbündeten
kauften das vorhandene Gold auf und boten, als es immer weniger wurde, immer höhere
Preise. Das Agio, der Mehrwert des Golddollars, stieg auf 60, momentan auf 65 %.
Im Augenblick, wo die Situation so weit gediehen ist, und während seine Freunde
160 für Gold bieten, entledigt sich I. Gould durch dienstwillige Agenten seines Gold
vorrats. Er ist benachrichtigt, daß die Regierung, um der sinnlosen Goldhausse zu
steuern, im Begriffe ist, aus ihrem Schatze Gold auf den Markt zu bringen. Die
Nachricht bestätigt sich alsbald, und das Agio fällt auf seinen alten Stand. Goulds
Spießgesellen und geradezu die ganze Börse erleiden enorme Verluste; ein Falliment
folgt dem andern, — eine Krise bricht aus. Ein von Gould beschäftigter Makler,
Speyer mit Namen, welcher über 250 Millionen Franken Gold an jenem Tage
gekauft und noch im letzten Moment in wahnsinniger Aufregung den Kurs 160 für
25 Millionen geboten hatte, muß wenige Minuten später fliehen. Seine Auftraggeber
haben ihn im Stiche gelassen. I. Gould aber hat sein Schäfchen im Trocknen. —
Die Geschichte des Gouldschen Vermögens leidet an solchen und ähnlichen Coups
keinen Mangel. Meist ist sein Kriegsplan der folgende: Gould leistet nach Möglichkeit
einer ungerechtfertigten Haussebewegung Vorschub; wenn die Kurse einen unsinnig hohen
Stand erreicht haben, insbesondere auch mit Kilfe der Spekulation, die für diesen Zweck
Gelder borgt und die geborgten Gelder für eine Zeit lang in den gekauften fund später
zu noch höherem Kurse zu verkaufenden) Werten festlegt, eröffnet Gould plötzlich eine
Ära der Verläufe; er berichtigt gleichzeitig die öffentliche Meinung hinsichtlich des den
favorisierten Papieren zukommenden Wertes. Infolge seiner Verkäufe beginnt der
Kurs zu sinken. Jetzt läßt I. Gould eine zweite Mine springen. Er und seine
Freunde haben jederzeit rückziehbare Gelder ausgetan, und diese werden nun eingefordert.
Die Schuldner haben sich dessen nicht versehen und sind genötigt, insoweit sie etwa
Forderungen ausstehen haben, diese einzuziehen, im anderen Falle Papiere zu verkaufen.
Es geschieht das eine und das andere. Der Rückgang der Kurse pflanzt sich auf der
ganzen Linie fort. Er trägt einen weiteren Keim des Rückgangs, seiner Potenzierung
also in seinem Schoße. Denn, da viele der Spekulanten nicht im stände sind, den bei
sinkendem Kurse an sie ergehenden Zuschußforderungen (behufs Sicherstellung ihrer
Gläubiger, denen sie die gekauften Papiere verpfändet haben) zu genügen, sind sie
oder ihre Pfandgläubiger zu weiteren Realisierungen genötigt. Die Deroute wird
allgemein, sie spitzt sich zur Panik zu; die Kurse fallen ins Bodenlose, nachdem sie
vor kurzem noch hoch über dem wahren Objektwerte gestanden haben. Die Käufer
fehlen. Aber nun tritt Z. Gould zum drittenmal auf die Bühne und zeigt endlich sein
wahres Gesicht. Gould wird Käufer. Er und seine Genossen benützen die eingezogenen
Gelder und etwa noch weitere, die sie für diesen Zweck bereit gestellt haben, um zu
kaufen, so viel sich kaufen läßt. Die Objekte fallen ihnen zu Spottpreisen zu. Ist dies
geschehen, so erlangen die Effekten alsbald wieder den Preis, den sie verdienen. Jetzt
können Gould & Cie. ihren Gewinn übersehen. In der Regel ist er enorm.