472 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
6. Theorie und Praxis im kaufmännischen Bildungswesen.
Von Zgnaz Jasstrow.
Zastrow. Bericht über eine volkswirtschaftliche Studienreise durch Nordamerika. (l5. Juli
bis 2% Gktober igo^). Zn: Berliner Jahrbuch für lfandel und Industrie. Bericht der Ältesten
der Kaufmannschaft von Berlin. Jahrgang IAO-». Bd. I. Berlin, Georg Reimer, MS. S. ^20—423.
Ein commercial apprenticeship, wie ich unseren deutschen Ausdruck „Kauf
mannslehre" zu übersehen suchte, ist in Amerika unbekannt. Von dem Augenblick an.
wo der junge Mann die Schule verläßt und in ein Geschäft eintritt, ist er Clerk, wie
auch seine Vorgesetzten bis hinauf zum Vertreter des Chefs Clerks sind. Der Ameri
kaner, dem man über die deutsche Kaufmannslehre berichtet, ist zumeist geneigt, sein
heimisches Verhältnis damit zu verteidigen, daß niair in Amerika die geleistete Arbeit
bezahlen wolle, und daß dadurch ein Vertragsverhältnis auch gegenüber dem jüngsten
Mitarbeiter des Chefs entstehe; daß gerade das Fehlen einer Kaufmannslehre das
Aufsteigen intelligenter Elemente unter den Arbeitern ermögliche, und daß hierin ein
wesentlicher Charakterzug des amerikanischen Lebens bestehe. Wie es mir gegenüber
einmal ausgedrückt wurde: es sei heutzutage nicht mehr richtig, daß in Deutschland die
politische Freiheit fehle, aber es fehle die soziale Freiheit und Gleichheit; und ein
Ausdruck dessen sei es, daß sich die Kaufmannschaft als eine Klasse fühle, in die
niemand hineingelange, der nicht die vorgeschriebene Lehrzeit absolviert habe. Aber
selbst in diesen Verteidigern der amerikanischen Zustände lag unverkennbar etwas von
hoher Bewunderung vor einer Nation, die sich eine pädagogisch bedeutsame Einrichtung
wie die Kaufmannslehre schaffen und erhalten konnte, und deren junge Generation
verständig genug ist, für ein paar Jahre ihres Lebens sich den damit verbundenen
Zwang aufzuerlegen.
.Hingegen ist es mir nicht gelungen, zu einer klaren Anschauung darüber durch
zudringen, wie denn nun der junge Mann in Amerika die Kaufmannschaft erlerne.
Auf meine Frage, wie der junge Mann, der in das Geschäft eingetreten ist, sich die
praktischen Kenntnisse verschaffe, die für sein Vorwärtskommen erforderlich sind, wenn
niemand da ist, der sich seine Anleitung zur Aufgabe zu machen hat, war die ständige
Antwort: der junge Mann müsse „pick it iip“. Dieses „pick it up“ ist in der
Tat das große Geheimnis des amerikanischen Lebens, hinter das zu kommen, für einen
Aufenthalt von nur drei Monaten wohl ein zu hohes Ziel darstellt. Ich will aber
nicht unterlassen, hinzuzufügen, daß ein Mann, der zwar nicht selbst Kaufmann ist,
aber bei seiner ganzen Lebensstellung viel Gelegenheit hat, Erfahrungen aus dem
Kaufmannsleben zu sammeln, mir erwiderte: „Sie verstehen nicht, wie die jungen Leute
ohne direkte Anleitung Kaufmannschaft lernen können? Die Sache ist sehr einfach:
sie lernen sie in der Tat nicht. Es ist ein Jammer, es mit anzusehen, wie Tausende
in diesen Beruf einströmen und darin untergehen, und wie cs oft vorn bloßen Zufall
abhängt, ob ein junger Mann in den ersten Jahren sich die Kenntnisse erwirbt, die
er für sein Fortkommen braucht oder nicht."
Nahezu allgemein scheint in Amerika die Bewunderung vor der besseren Aus
bildung des deutschen Kaufmannsstandes zu sein; aber über die hauptsächlichsten
Bildungsmittel täuscht man sich. Bei sonst wohlunterrichteten Leuten bin ich ganz
wunderlich übertriebenen Vorstellungen von dem ausgezeichneten kaufmännischen Bildungs
wesen, von den wohlgeordneten, über ganz Deutschland verbreiteten kaufmännischen
Bildungsanstalten begegnet. Da der Amerikaner mangels einer Kaufmannslehre sieb
die Unterweisung gar nicht anders als theoretisch denken kann, so ist für ihn die Tat
sache, daß es in Deutschland viele gut ausgebildete junge Kaufleute gibt, nahezu
identisch mit der Tatsache eines guten kaufmännischen Llnterrichtswesens.