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Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
sah ich solche von ca. 60 000 Pfd. Tragfähigkeit (ca. 30 Tonnen) mit vier Achsen,
doch kommen auch Wagen bis zu 45 t Tragfähigkeit vor. Die Gestellung ähnlich
großer Wagen in Deutschland, woselbst man bisher nur bis zu den 15 t-Wagen
gekommen ist, ist bekanntlich eine alte Forderung der Montanindustrie. Im übrigen
liegen die Verhältnisse unseres Verkehrs wesentlich anders als in den Vereinigten
Staaten, so daß die dort getroffenen Einrichtungen, auch insoweit sie sich gut bewährt
haben, nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden können. Allgemein ein
geführt zu sein scheint das Einpuffer- und das Selbstkuppelungssystem, deren Einführung
auch unsere Verwaltungen bekanntlich seit längerer Zeit erörtern und deren Vorzüge im
Prinzip allseitig anerkannt sein dürften.
Im Personenverkehr besteht bekanntlich nur eine Wagenklasse durch Gesetz,
tatsächlich ergeben sich aber ünterschiede durch die Wagen der Pullmangesellschaft, die
in jedem Schnellzug eingestellt sind, oder aus denen auch ganze Züge bestehen. Auf
den Strecken, die ich durchfuhr, waren auch die gewöhnlichen Personenwagen durch-
gehends von guter Beschaffenheit. Sie sind allgemein höher und geräumiger wie die
deutschen und entsprechen im übrigen etwa unserer zweiten Klasse. Für Toiletten und
Trinkwasser ist durchschnittlich besser gesorgt als bei uns. Ob das dort eingeführte
Einraumsystem (mit 80 Plätzen) oder unser Coupesystem den Vorzug verdient, ist eine
Geschmacksfrage, die hier nicht erörtert werden soll. Für Amerika ist jedenfalls die
dortige Einrichtung schon wegen des Fehlens der Klassenunterschiede die beste. Das
Publikum gewöhnt sich dadurch besser an gegenseitige Rücksichtnahme, und in der Tat
habe ich unangemessenes Betragen einzelner Fahrgäste nicht beobachtet. Überhaupt
fällt im Verkehr zwischen allen Schichten der Bevölkerung, auch zwischen Vorgesetzten
und üntergebenen, Beamten und Publikum eine ruhige Gleichmäßigkeit, bei einfacheren
äußeren Formen angenehm auf, ebenso eine große Geduld des Publikums gegen
über programmwidrigen Zwischenfällen des Verkehrslebens. Die Beleuchtung der
Wagen geschieht überwiegend durch Gaslicht, nur in einzelnen Wagen fand ich neben
Gas elektrisches Licht vor. Was nun die Pullmanwagen betrifft, so zeichnen sich die
selben durch eine vorzügliche und reiche Ausstattung aus. Sie bestehen teils aus
Schlaf-, teils aus Salon- (Parlor-) und Speisewagen. Erstere sind so eingerichtet,
daß man tagsüber in ihnen sitzen kann. Da Leeren und Damen in demselben Raum
untergebracht und die Betten nur durch Portieren gegen den Mittelgang abgeschlossen
sind, so ergibt sich eine große ünbcquemlichkeit im Aus- und Ankleiden. Auch ist die
Anordnung der Waschräume (je einer für Damen und Lerren) nicht angenehm.
Berücksichtigt man indessen, daß die Schlafwagen oft tagelang unterwegs sein müssen,
so ist nicht zu verkennen, daß sie ihren Doppelzweck, der Benutzung bei Tag und
bei Nacht gut entsprechen. Für unsere Verhältnisse aber erscheinen sic iricht vor
bildlich, vielmehr dürste das Coupesystem bei uns entschieden den Vorzug verdienen;
nur sollte der verfügbare Raum etwas reichlicher bemessen sein. Die Parlorwagen
ertthalten bequeme Sessel, haben große Aussichtsfenster und sind vortrefflich beleuchtet.
Zn einzelnen Wagen befinden sich Rauchzimmer, zuweilen auch eine kleine Bibliothek
mit einem Schreibtisch. Die Speisewagen sind in gleicher Art eingerichtet wie bei
uns, aber geräumiger und weit schöner ausgestattet. Das Lolzwerk in den Pullman
wagen besteht meist aus Mahagoni und ist oft mit schönen Schnitzereien versehen. Das
Essen ist gut und nicht zu teuer (Diner zu 1 Dollar).
Der Zuschlag für die Benutzung der Pullmanwagen (für die Nacht 2—2 V*
Dollars) ist nicht hoch zu nennen. Im übrigen sind die Fahrpreise etwa gleich den
jenigen unserer 1. Klasse, wobei indes die allgemein höhere Lebenshaltung in Amerika
zu berücksichtigen ist.
Das Billetsystem fand ich nicht so prattisch wie bei uns. Man bekommt oft
für längere Sttecken Zettel von l k m Länge und mehr, deren einzelne Teile nachein