Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

10.  Eisenbahntarifunwesen.

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diese  Fahrkarten  werden  von  den  Skalpern  in  Menge  aufgekauft  und  oft  noch  Monate
nach  Beendigung  des  Kriegszustandes  an  das  Publikum  zu  etwas  niedrigeren  als  den
regelmäßigen  Preisen  abgegeben.  All'  dies  geschieht  unter  den  Augen  der  Eisenbahnen.
Mit  welcher  Harmlosigkeit,  davon  erzählt  ein  englischer  Fachmann,  van  Oß,  in  seinem
vortrefflichen  Werke  über  die  amerikanischen  Eisenbahnen  ein  eigenes  Erlebnis.  Er  wollte
von  Kalifornien  nach  Chicago  und  zurück  reisen.  In  seinem  Gasthof  fragte  er  nach
der  nächsten  Fahrkartenverkaufsstelle,  worauf  ihm  der  Kellner  empfahl,  nicht  zu  dieser,
sondern  zu  einem  Skalper  zu  gehen.  Der  Skalper  ging  mit  ihm  auf  das  Büreau
der  Eisenbahn  und  stellte  ihn  dort  vor.  van  Oß  bezahlte  darauf  den  gewöhnlichen
Preis  von  75  Dollars,  erhielt  aber  alsbald  vom  Skalper  12  Vs  Dollars,  d.  h.
den  sechsten  Teil  des  Fahrpreises  zurück.  Natürlich  erhielt  auch  der  Skalper  seine
Provision!
Wird  das  Geschäft  noch  so  betrieben,  so  ist  es  zwar  nicht  schön,  aber  nach
amerikanischen  Anschauungen  wenigstens  nicht  unehrenhaft.  Nun  gehen  aber  die  Skalper
noch  einen  Schritt  weiter.  Sie  kaufen  von  den  Eiscnbahnbediensteten  Freikarten,  sie
verleiten  das  Eisenbahnpersonal  zur  Wiederveräußerung  abgefahrener,  entwerteter  Karten,
sie  gehen  über  zu  Fahrkartenfälschungen.  Das  führt  zu  einer  völligen  Verderbnis  des
Bahnpersonals  und  zu  fortgesetzten  Betrügereien  und  Durchstechereien.
Die  eigentliche  innere  Arsachc  dieser  und  anderer  Mißstände  ist  die  regellose,
unbeschränkte  Konkurrenz  im  amerikanischen  Eisenbahn-  und  Geschäftsleben.  Eine  solche
läßt  sich  wirksam  nur  durchführen,  wenn  sie  heimlich  betrieben  wird,  wenn  dem  Geschäftsmann ­
  die  Mittel,  mit  denen  sein  Konkurrent  dasselbe  Geschäft  betreibt,  verborgen
bleiben.  Damit  steht  aber  die  Öffentlichkeit  der  Eisenbahntarife  in  Widerspruch;  aus
diesem  Grunde  haben  sich  die  Eisenbahnen  gegen  die  Veröffentlichung  ihrer  Frachtsätze
gewehrt  und  suchen  sie  heute  noch  zu  umgehen.  Es  hat  langer  Jahre  bedurft,  ehe
bei  den  Eisenbahnen  die  Erkenntnis  zum  Durchbruch  kam,  daß  eine  solche  Konkurrenzmacherei ­
  ihren  eigenen  Interessen  widerspreche,  und  daß  es  auch  für  sie  vorteilhafter
ist,  einen  Teil  ihrer  Selbständigkeit  zu  opfern  und  sich  mit  Konkurrenzunternehmungen
über  Teilung  des  Verkehrs  zu  verständigen.  Es  waren  insbesondere  die  gewaltigen
Tarifkriege  der  Jahre  1874—1877,  in  denen  die  mächtigen,  westöstlichen  Hauptbahnen
durch  Schaden  klug  wurden,  und  zum  ersten  Male  zum  Abschluß  von  Verbandsverträgen ­
  übergingen,  die  den  Namen  ?ool  zuerst  im  Volksmunde,  später  von  den
Eisenbahnen  selbst  erhielten.  Dieser  Name  ist  dem  Lazardspiel  entlehnt.  Er  bedeutet
soviel  als  Einsah  beim  Spiel.  Im  Publikum  stellte  man  sich  —  vielleicht  auch  des
Namens  wegen  —  unter  diesen  Verträgen  etwas  sehr  schlimmes  vor.  Man  sah  in
ihnen  heimliche  Verträge  früherer  Gegner  zur  Ausbeutung  des  Publikums,  man
befürchtete  eine  weitere  Kräftigung  der  Eisenbahnmonopole,  verglich  sie  mit  den  Trusts,
den  Ringen,  den  Syndikaten,  und  die  Monopolbekämpfungsvereine  richteten  ihre
Besttebungen  auch  auf  Beseitigung  der  Pools.  Nur  eine  Minderzahl  einsichtiger
Männer  verteidigte  diese  Verbände;  sie  wiesen  nach,  daß  die  durch  sie  herbeigeführte
größere  Eteügkeit  und  Öffentlichkeit  der  Tarife  auch  dem  Publikum  von  Nutzen,  daß
die  Befürchtung  einer  Stärkung  der  Monopole  unbegründet  sei.
Bis  zum  Erlaß  des  Bundesverkehrsgesetzes  vom  4.  Februar  1887  hatten  die
Eisenbahnen  im  Abschluß  der  ?ool8  tatsächlich  freie  Land,  wenn  auch  von  einigen
Seiten  die  rechtliche  Zulässigkeit  solcher  Verttäge  in  Zweifel  gezogen  wurde.  Bei  den
Vorverhandlungen  über  den  Entwurf  dieses  Gesetzes  spielte  die  Frage  der  Pools  eine
entscheidende  Rolle.  Der  vom  Senate  im  Jahre  1886  beschlossene  Entwurf  einer
Interstate  Commerce  Ad;  ging  von  der  Zulässigkeit  der  Pools  aus,  nachdem  sich
der  vom  Senator  Cullom  geleitete  Ausschuß  zur  Ausarbeitung  eines  solchen  Gesetzes
ausdrücklich  zugunsten  der  Pools  erklärt  hatte.  Das  Repräsentantenhaus  nahm  in
diesen  Entwurf  eine  Bestimmung  über  das  Verbot  der  Pool3  auf.  In  dem  aus
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