Full text : Die Reichseisenbahnen

Rücklagen,  die  aus  der  Vermögensrechnung  ersichtlich  sind,  und  endlich
der  Vortrag  auf  neue  Rechnung,  der  einen  Teil  des  Gewinnes  gewissermaßen ­
  in  der  Schwebe  hält*).
Die  Staatseisenbahnverwaltung  bildet  nun  allerdings  auch  stille
Rücklagen,  wenn  nicht  dem  Begriffe,  so  doch  der  Sache  nach,  z.  B.  indem
sie  abgängige  Anlagen  und  Betriebsmittel  aus  lausenden  Jahresausgaben ­
  durch  neue  und  höherwertige  ersetzt.  Ebenso  kannte  die
Verwaltung  von  jeher  auch  die  Verwendung  eigener  Betriebsmittel  für
werbende  Zwecke.  Das  geschah  und  geschieht  in  dem  sogenannten
„(xtraordinarium  der  Eisenbahnverwallung",  das  unter  den  einmaligen
und  außerordentlichen  Einnahmen  des  Staatshaushaltes  erscheint  und
aus  den  Eisenbahnüberschüssen  gespeist  wird**).
Diese  Einrichtungen  genügten  aber  nicht,  um  die  Schwankungen
der  Eisenbahneinnahmen  und  -ausgaben,  die  ihrerseits  wieder  auf  den
Schwankungen  des  Wirtschaftslebens  beruhen,  in  vollem  Umfange  aufzufangen ­
  und  den  Staatshaushalt  vor  den  empfindlichen  Stößen,  die
die  Folge  davon  waren,  zu  sichern.
Vergegenwärtigt  man  sich  das  obige  Zahlenverhältnis  zwischen  den
Einnahmen  und  Ausgaben  der  Eisenbahnverwaltung  und  denen  aller
übrigen  Staatsverwaltungen,  so  ist  klar,  welch  ungeheurer  Einfluß  jede
Schwankung  im  Eisenbahnhaushalt  auf  den  Staatshaushalt  üben  mußte.
Denselben  Einfluß  aber,  wie  die  Schwankungen  der  tatsächlichen  Ergebnisse, ­
  müssen  natürlich  auch  Fehlschätzungen  bei  der  Aufstellung  des
Anschlages  ausüben.  Alle  diese  Fehlerquellen  sind  indessen  natürlich
unvergleichlich  viel  größer,  wenn  man  alle  Rohertragsziffern  eines
Riesenunternehmens  in  den  Rahmen  des  Staatshaushaltes  hineinzwängt, ­
  als  wenn  man  in  diesen  lediglich  Reinerträge  übernimmt,  deren
Bemessung  leicht  durch  eine  zielbewußte  Gewinnpolitik  geregelt  werden
kann.  Bei  3y z  Milliarden  Eisenbahneinnahmen  genügt  schon  eine
Schwankung  von  10^,  —350  Millionen  Einnahme,  um  einen  nicht  zu
deckenden  Fehlbetrag  hervorzurufen.  Man  wende  nicht  ein,  daß  diesem
Rückgänge  der  Einnahmen  auch  ein  Rückgang  der  Ausgaben  gegenüberstehen ­
  werde;  denn  dies  ist  keineswegs  der  Fall.  Vielmehr  trägt  die
Gestaltung  der  Ausgaben  beim  Eisenbahnbetriebe  ein  anderes  Gesetz
in  sich  als  die  Entwicklung  der  Einnahmen.  In  den  Ausgaben  drückt
sich  die  Wirtschaftsentwicklung  in  der  Regel  später  und  fast  immer  in
einem  anderen  Maße  aus  als  bei  den  Einnahmen.
*)  Es  können  Gewinne  auch  wohl  auf  andere  Art  für  Zwecke  des  Unternehmens ­
  in  weiterem  Sinne  festgelegt  werden,  man  kann  aber  alle  diese  Formen
der  Festhaltung  von  Betriebsgewinnen  unter  der  Bildung  stiller  Rücklagen  mitbegreisen.

**)  Näheres  im  „Archiv  für  Eisenbahnwesen"  1910  S.  1128  (Heft  S):  „Zur
Wirtschaftsführung  der  Staatsbahnverwaltung."
            
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