Full text : Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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darauf  berufen,  daß  der  Niedergang  der  elsässischen  Feinspinnerei
zum  größeren  Teil  veranlaßt  worden  sei  durch  das  Verhalten  der
Regierung,  die  den  Feingarnzoll  im  Handelsvertrag  mit  der  Schweiz
auf  24  M.  reduzierte.  Das  Elsaß  ist  gerade  der  schweizerischen  Konkurrenz ­
  am  ehesten  ausgesetzt.  Wäre  die  Regierung  auf  dem  einmal ­
  betretenen  Wege  geblieben,  so  hätte  sich  höchstwahrscheinlich
die  elsässische  Feinspinnerei  in  erfreulicher  Weise,  so  wie  wir  es
schon  oben 1 )  mit  Zahlen  belegen  konnten,  weiterentwickelt.  In  Oberbayern ­
  und  in  Sachsen  hat  dagegen  in  den  Jahren  1890  bis  iqoo  die
Feinspinnerei  Fortschritte  gemacht.  Daher  begrüßten  die  bayerischen
und  sächsischen  Spinner  die  Wiederherstellung  der  Sätze  des  Tarifs
von  1879  für  Garne  über  No.  60  mit  aufrichtiger  Freude,  aber  nur
in  der  Erwartung,  daß  diese  als  Minimalsätze  gelten  und  nicht  etwa
durch  Handelsverträge  herabgesetzt  würden.  Allseitige  Verurteilung
fand  die  Reduktion  der  Zölle  auf  Garne  unter  No.  32  auf  9  und  15  M.
Es  ist  erklärlich,  daß  die  Beschlüsse  der  Reichstagskommission  in
erster  Lesung,  die  weit  unter  die  Vorschläge  des  Bundesrats  heruntergingen, ­
  einen  Sturm  der  Entrüstung  entfesselten.  Die  Handelskammer ­
  zu  Mülhausen  i.  E.  nennt  die  Kommissionsbeschlüsse  unbegründet ­
 1  2  3 )  und  prophezeit  der  deutschen  Baumwollindustrie  den
Untergang 8 ),  falls  die  niedrigen  Sätze  der  Kommissionsbeschlüsse
Gesetz  würden.  —  Auch  die  Beschlüsse  in  der  zweiten  Lesung
blieben  noch  hinter  den  Vorschlägen  des  Bundesrats  zurück.  Über
die  zahlreichen  Proteste  dagegen  ging  man  zur  Tagesordnung  über.
Die  Interessenvertretungen  unserer  Industrie  sprechen  sich  im  allgemeinen ­
  aber  doch  zu  pessimistisch  aus,  um  diese  Stimmen  ungehört
  verhallen  zu  lassen.  Wir  werden  umso  eher  in  eine  unparteiische ­
  Prüfung  der  Garnzollfrage  eingehen  können,  als  jetzt,  nach  dem
Ende  des  Tarifkampfes,  der  Blick  durch  nichts  getrübt  wird.
Von  seiten  der  Weber  war  gegenüber  den  Wünschen  der  Spinner
geltend  gemacht  worden 4 ):  1.  Die  Spinner  hätten  ihr  187g  gegebenes
Versprechen,  sich  der  Fabrikation  von  Feingarn  zuwenden  zu  wollen,
nicht  gehalten.  2.  Die  Grobgarnzölle  seien  zu  hoch  gewesen,  so  daß
die  Grobgarnspinnerei  ungleich  größeren  Gewinn  abgeworfen  hätte.
Die  geringe  Rentabilität  der  Jahre  nach  1898  beruhe  auf  der  Überproduktion, ­
  die  durch  Spinnereien  an  der  deutsch-holländischen  Grenze
geschürt  werde,  die  ihrerseits  gerade  infolge  der  hohen  Garnzölle
1)  Siehe  S.  36.
2)  Jahresbericht  für  1902,  S.  19.
3)  Ebenda,  S.  23.
4)  K.  Kuntze,  a.  a.  O.  S.  6iof.
            
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