Full text : Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

45

die  Spinnerei.  Das  Wort  „Erziehungszoll“  ist  zwar  nicht  recht  am
Platze,  denn  auf  gesicherter  Grundlage  arbeitet  die  Spinnerei  immerhin, ­
  aber  daß  wir  unsern  Bedarf  an  Feingarnen  noch  immer  aus  dem
Auslande  beziehen  müssen,  zeigt,  daß  wenigstens  dieser  Zweig  der
Spinnerei  eines  Schutzes  bedürftig  ist.  Die  Weberei  würde  durch
hohe  Garnzölle  nur  dann  benachteiligt,  wenn  es  den  Spinnern  gelänge, ­
  den  Zollschutz  im  Preise  ihrer  Fabrikate  voll  zum  Ausdruck
zu  bringen.  Daran  verhindert  aber  die  Spinner  ihre  Konkurrenz
unter  sich,  die,  wie  wir  sehen  werden,  so  groß  ist,  daß  sogar  die
„Gefahr  der  Kartellbildung“  noch  in  weitem  Felde  liegt.  Also  wenn
man  nicht  direkt  einen  Industriezweig"  auf  Kosten  des  anderen  begünstigen ­
  will,  so  muß  man  die  Berechtigung  der  Wünsche  der
Spinner  wohl  anerkennen.
Die  Beschlüsse  der  Zolltarifkommission  beruhen  anscheinend  auf
der  Annahme,  daß  die  Spinnerei  prosperiere  —  behauptete  doch  der
Reichstagsabgeordnete  Münch-Ferber  aus  Hof  in  Bayern,  die
Baumwollspinnerei  sei  die  rentabelste  aller  Industrien  ‘)  —  und  deshalb ­
  der  von  der  Regierung  vorgeschlagenen  Zölle  nicht  bedürfe.
Diese  Annahme  ist  aber  unrichtig.  Wenn  man  die  Geschäftsergebnisse ­
  der  Aktienspinnereien  in  dem  Zeitraum  1890  bis  igoo  zusammenstellt ­
  und  dabei  von  der  Voraussetzung  normaler  Produktionsbedingungen ­
  ausgeht  —  drei  unter  sehr  günstigen  Bedingungen  arbeitende
Unternehmungen  bleiben  unberücksichtigt 1  2 )  —,  so  ergibt  sich,  daß
41  Aktienspinnereien  eine  Durchschnittsdividende  von  4,08  °/o  ver ~
teilten;  12  dieser  Gesellschaften  erzielten  überhaupt  keine  Dividende.
Die  Ursachen  dieser  wenig  erfreulichen  Lage  liegen  aber  auf  einem
Gebiete,  auf  das  die  Spinner  gar  keinen  Einfluß  ausüben  können.
Die  Verschlechterung  der  Geschäftsergebnisse  der  Spinnerei  wird  zunächst ­
  veranlaßt  durch  die  Preisgestaltung  der  Rohbaumwolle,  in
zweiter  Linie  erst  durch  Überproduktion  und  die  Erhöhung  der  Produktionskosten. ­
  Das  beweist  u.  a,  folgende,  von  authentischer  Seite
herrührende,  für  Mitteldeutschland  geltende  Berechnung,  wobei  vorausgeschickt ­
  werden  muß,  daß  die  normalen  Produktionskosten  von
Garn  No.  20  15  bis  16  Pfg.  betragen:

1)  Stenogr.  Berichte  über  die  Verhandlungen  des  Reichstags,  10.  Legislaturperiode,
II.  Session  1900—1903,  Bd.  IV,  S.  3172  (D).
2)  A.  a.  O.  S.  13.  Gemeint  sind  offenbar  die  „Baumwollspinnerei  Mittweida“,  die
„Baumwollspinnerei  am  Stadtbach“  in  Augsburg  und  die  „Vogtländische  Baumwollspinnerei“
in  Hof,  die  in  der  Periode  1890—1899  bez.  16,4,  13,65  und  11,1  °/ 0  Dividende  ausschütten
konnten.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.