47
Frachtkosten im Lande selbst sind gewöhnlich nicht so hoch wie in
Deutschland, weil nur kurze Entfernungen zwischen Hafen und Fabrik
zu überwinden sind. Außerdem sind die englischen Spinnereien in
der Lage, immer nur einzelne, ja manchmal nur eine einzige Nummer
zu spinnen; „auf diese Weise erzielen sie eine viel größere Produktions
fähigkeit, sie erziehen sich für diese Nummern besonders geschickte
Arbeiter, die an und für sich schon an Leistungsfähigkeit den deutschen
Arbeitern überlegen sind. Demgegenüber sind die deutschen Spinner
gezwungen, dem Wunsche der Garn Verbraucher entsprechend alle
möglichen Nummern, Qualitäten und Aufmachungen in Schuß und
Kette zu liefern, was die Leistungsfähigkeit bedeutend vermindert“,
denn dazu gehören eine große Anzahl von Vorbereitungsmaschinen
und verschieden geschulte Arbeiter.
Der letzte und für oberflächliche Kenntnis vielleicht wichtigste
Einwand der Garnverbraucher gegen die Höhe der Garnzölle war
der, daß die Garnpreise seit 1879 derartig gesunken seien, daß der
Zoll heute relativ höher sei als damals. Der Rückgang der Garn
preise ist aber eine Folge der Verbilligung des Rohstoffs, die gewiß
der Baumwollindustrie anderer mit uns konkurrierender Länder zum
mindesten ebenso zugute kommt wie der deutschen. Der Zoll muß also
in Beziehung gesetzt werden zu den Produktionskosten, d. h. zu den
Kosten der Arbeit, Geschäftsunkosten, Verzinsung und Amortisation
des Anlagekapitals. Erwägt man nun, daß nicht allein der Arbeits
lohn gestiegen ist, sondern auch die Steuerlast und der Aufwand für
soziale Zwecke, so wird man zu dem Schluß kommen müssen, daß
die Produktionskosten in Deutschland, verglichen mit denen in Eng
land, relativ sogar höher geworden sind. Es ist also hieraus keines
falls eine Berechtigung zur Zollherabsetzung abzuleiten, eher um
gekehrt.
Wenn nun die Spinner nicht auf Zollerhöhung drangen, sondern
nur auf Beibehaltung des bis dahin gültigen Zollsatzes, so lag darin
nach ihrer Ansicht eine Selbstbescheidung, eine Konzession im Sinne
der Solidarität der Interessen der gesamten deutschen Baumwoll
industrie, deren einer Zweig gerade soviel Anspruch auf Schutz hat
wie der andere. Der Ansturm der Weber hatte seinen Grund in
dem an sich durchaus berechtigten Streben, die Exportquote möglichst
hoch zu halten; dabei kommt aber in Betracht, daß ein großer Teil
der Weberei-Selbständigen mit einem Minimum von Kapital arbeitet;
jede Ungunst der Konjunktur, jede Unbill der politischen Witterung
versetzt sie in tausend Ängste. Diese weit verbreitete Kategorie von
Unternehmern ist es vor allem, die die Garnzölle bekämpft. Ihre