Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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Frachtkosten im Lande selbst sind gewöhnlich nicht so hoch wie in 
Deutschland, weil nur kurze Entfernungen zwischen Hafen und Fabrik 
zu überwinden sind. Außerdem sind die englischen Spinnereien in 
der Lage, immer nur einzelne, ja manchmal nur eine einzige Nummer 
zu spinnen; „auf diese Weise erzielen sie eine viel größere Produktions 
fähigkeit, sie erziehen sich für diese Nummern besonders geschickte 
Arbeiter, die an und für sich schon an Leistungsfähigkeit den deutschen 
Arbeitern überlegen sind. Demgegenüber sind die deutschen Spinner 
gezwungen, dem Wunsche der Garn Verbraucher entsprechend alle 
möglichen Nummern, Qualitäten und Aufmachungen in Schuß und 
Kette zu liefern, was die Leistungsfähigkeit bedeutend vermindert“, 
denn dazu gehören eine große Anzahl von Vorbereitungsmaschinen 
und verschieden geschulte Arbeiter. 
Der letzte und für oberflächliche Kenntnis vielleicht wichtigste 
Einwand der Garnverbraucher gegen die Höhe der Garnzölle war 
der, daß die Garnpreise seit 1879 derartig gesunken seien, daß der 
Zoll heute relativ höher sei als damals. Der Rückgang der Garn 
preise ist aber eine Folge der Verbilligung des Rohstoffs, die gewiß 
der Baumwollindustrie anderer mit uns konkurrierender Länder zum 
mindesten ebenso zugute kommt wie der deutschen. Der Zoll muß also 
in Beziehung gesetzt werden zu den Produktionskosten, d. h. zu den 
Kosten der Arbeit, Geschäftsunkosten, Verzinsung und Amortisation 
des Anlagekapitals. Erwägt man nun, daß nicht allein der Arbeits 
lohn gestiegen ist, sondern auch die Steuerlast und der Aufwand für 
soziale Zwecke, so wird man zu dem Schluß kommen müssen, daß 
die Produktionskosten in Deutschland, verglichen mit denen in Eng 
land, relativ sogar höher geworden sind. Es ist also hieraus keines 
falls eine Berechtigung zur Zollherabsetzung abzuleiten, eher um 
gekehrt. 
Wenn nun die Spinner nicht auf Zollerhöhung drangen, sondern 
nur auf Beibehaltung des bis dahin gültigen Zollsatzes, so lag darin 
nach ihrer Ansicht eine Selbstbescheidung, eine Konzession im Sinne 
der Solidarität der Interessen der gesamten deutschen Baumwoll 
industrie, deren einer Zweig gerade soviel Anspruch auf Schutz hat 
wie der andere. Der Ansturm der Weber hatte seinen Grund in 
dem an sich durchaus berechtigten Streben, die Exportquote möglichst 
hoch zu halten; dabei kommt aber in Betracht, daß ein großer Teil 
der Weberei-Selbständigen mit einem Minimum von Kapital arbeitet; 
jede Ungunst der Konjunktur, jede Unbill der politischen Witterung 
versetzt sie in tausend Ängste. Diese weit verbreitete Kategorie von 
Unternehmern ist es vor allem, die die Garnzölle bekämpft. Ihre
	        
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