Full text: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

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Kapitel VII. 
Die Ereignisse auf dem Baumwollmarkt. 
Nächst der Zolltarif Vorlage nahm in jüngster Zeit die eigen 
artige Verfassung der Rohstoffmärkte in Amerika die Aufmerksam 
keit der Baumwollindustriellen in Anspruch. 
Wenn man bisher geglaubt hat, daß die Baumwollpreise an der 
Börse in Liverpool gemacht werden, so haben die jüngsten Ereig 
nisse auf dem Baumwollmarkt erst in New-Orleans, dann in New- 
York uns eines besseren belehrt. Die Union ist das erste Baum 
wolle produzierende Land, sie allein liefert mehr als die Hälfte der 
für die Baumwollindustrie der Welt verfügbaren Baumwolle. Ihre 
Baumwollindustrie ist nächst der englischen die bedeutendste, ist aber 
in schnellerem Wachstum begriffen als diese. Es ist daher wohl er 
klärlich, daß der Schwerpunkt des Baumwollhandels nach Nord 
amerika gerückt ist. Die Organisation des New-Yorker Baumwoll 
handels, der in „future-deli ver}^“-Geschäften, d. h. im Terminhandel, 
gipfelt, ermöglicht eine ausgedehnte Spekulation in Baumwolle. Das 
sollten unsere Spinner zu ihrem Schaden sowohl Ende des Jahres 1900 
als auch Ende 1903 und am schlimmsten Anfang 1904 merken. Es 
hatten sich nämlich, veranlaßt durch die hinter den Vorjahren zurück 
bleibenden Ernteerträge der Saison 1899/1900 bezw. 1903/1904 und 
— was schlimmer ist — durch das Zurückbleiben der Baumwoll 
ernten gegenüber dem Konsum, verschiedene kapitalkräftige Leute, 
die dem eigentlichen Baumwollgeschäft fern standen, zusammengetan, 
um an den beiden größten amerikanischen Baumwollbörsen eine 
künstliche Hausse zu inszenieren. Die Aktionen dieser Baumwoll- 
Corners endeten zwar im Frühjahr 1904 mit dem Bankerott des 
Führers der Haussepartei, des Mr. Daniel Sully; die Spinner aller 
Länder aber, die amerikanische Baumwolle verspinnen, mußten jene 
Machenschaften mit Verlusten bezahlen, die sich in Deutschland auf 
60 Milk M. belaufen sollen. 
Wenn durch diese Geschehnisse die Abhängigkeit von Nord 
amerika eklatant geworden ist, so war sie doch auch schon vorher 
vorhanden, eben weil sich alle Käufer von Baumwolle auf die Nach 
richten verlassen müssen, die das Agrikulturbureau in Washington 
in bestimmten Zwischenräumen ausgibt über die Größe der Produktions 
flächen, den Saatenstand, die Witterungsverhältnisse, die Ernte 
bewegung, die sichtbaren Vorräte, die Verschiffungen etc. etc. Die
	        
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