5
Der Kolonialbesitz stärkt und kräftigt aber nicht nur die wirt
schaftliche Selbständigkeit eines Volkes, sondern er verschafft ihm auch
ein Absatzgebiet für seine Erzeugnisse und zuweilen auch eine billige
Bezugsquelle für die zur Entwicklung seiner Landesindustrie notwendigen
Rohprodukte. Dieses gesunde Prinzip des internen Austausches von
Fabrikaten und Rohprodukten zwischen Mutterland und Kolonien ist
nicht etwa nur ein Ergebnis der früheren staatsniännischen Er
wägungen über das wirtschaftliche Verhältnis vom Mutterland zur
Kolonie, sondern es findet auch heutigentags noch allgemein in
dem gleichen Sinne Beachtung. Man strebt z. B. infolge der Teuerung
amerikanischer Rohbaumwolle, sowohl in England wie in Deutschland
danach, innerhalb seines eigenen Kolonialbesitzes geeignete Ländereien
für die Kultur der Baumwolle zu erschließen. Auf der anderen Seite
wiederum hat es Amerika, als der größte Baumwollenproduzent der
Welt in der Hand, zwecks wirtschaftlicher Unterstützung seiner eigenen
Spinnereien die Ausfuhr von Rohbaumwolle mit einem Prohibitivzölle
zu belegen, wodurch dieses wichtige Rohprodukt auf dem Weltmarkt
seinem Angebote nach stark zurückgehen würde. Eine solche amerikanische
zollpolitische Aktion winde für die vielen japanischen Spinnereien
ebenfalls ein bedeutsames Entwicklnngshindernis bilden. Der Erwerb
kolonialen Landbesitzes zwecks Beschaffung billiger Rohmaterialien ist
demnach fiir wirtschaftlich entwickelte Staaten eine unbedingte Notwendig
keit, der sich kein staatsmännisch klug denkender Kopf verschließen kann.
Weit weniger vorteilhaft als eigene Kolonisation ist für das Mutter
land die Auswanderung seiner besten erwerbstätigen Kräfte in fremde
Länder, da der wirtschaftliche Zusammenhang mit denselben stets nur in ge
ringerem Grade vorhanden ist und vorhanden sein kann. Diese „reinen"
Auswanderungsgebiete kommen als Bezugsquellen billiger Rohmaterialien
für die heimische Industrie des Mutterlandes häufig gar nicht in Betracht,
und die dorthin ausgewanderten Bevölkerungselemente gehen nur dann
dem Mutterland nicht völlig verloren, wenn das Auswanderungsgebiet
einen mehr oder minder günstigen Absatzmarkt für die eigenen Industrie-
erzeugnisse bilden kann. Ein für Japan höchst zutreffendes Beispiel in
diesem Sinne gibt die Ausfuhr von Sake (— ein eigenartiger japanischer
Wein —), Saya und dergleichen spezifisch-japanischen Produkten nach
den japanischen Answanderungsgebieten: Korea, Hawai, Amerika und
Wladiwostok. Außerdem aber bedeutet, kulturtechnisch genommen, jede
Auswanderung einen wirtschaftlichen Aufschwung des betreffenden
Siedelungsgebietes, und es liegt daher völlig im Interesse des Staates,
der diese Bevölkerungselemente aussendet, sich solche Siedelnngsgebiete
als eigene Kolonien nach Möglichkeit zu erwerben.
Andererseits gestalten sowohl Kolonisation, wie auch Auswanderung