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III. Abschnitt.
sehen wir sie in weitem Bogen über Celle und Lüneburg ziehen, da zur Zeit ihrer
Erbauung dem Verkehr zwischen den hannoverischen Städten eine größere Be
deutung zuerkannt wurde als einer, vom gesamtdeutschen Interesse aus betrachtet,
heute weit wichtigeren direkten Linienführung. Gerade jene Zeit zeigt auch an
mancherlei Beispielen, wie selbst die politischen Verhältnisse geradezu zu einem
Vermeiden der für den Verkehr besonders geeigneten Wege geführt haben. So wurde
ebenfalls in Hannover anstatt auf der heute bereits von vielen Schnellzügen be
nutzten Strecke Göttingen—Eichenberg—Münden, die freilich hessisches Gebiet be
rührt, die Verbindung der beiden südhannoverischen Städte mit starken Anstiegen
und Kurven über die das Gebiet der Leine und Weser trennenden Höhenzüge gelegt.
Betrachtet man demgegenüber die Anlage namentlich einiger außereuropäischer
Bahnnetze, so erkennt man häufig genug das Walten des entgegengesetzten Grund
satzes, der übrigens auch nicht für alle Zeiten gerechtfertigt erscheint. So standen
die Hauptbahnen im außertropischen Südafrika so sehr unter dem überwiegenden
Einflüsse des Wunsches nach möglichst geradlinigen Verbindungen zwischen den
Haupthäfen und den Gold- und Diamantenfeldern des Innern, daß vielfach aus
diesem Grunde die Siedelungen auf dem Wege dorthin von der Bahn gar nicht be
rührt werden, sondern bisweilen eine Anzahl Kilometer von ihr entfernt liegen.
Später, wenn die Interessen der Einzellandschaften gegenüber den einseitigen der
Handels- und Bergstädte einmal an Gewicht gewonnen haben werden, wird man
diese Art der Anlage aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls als eine Unzuträglich
keit empfinden.
Bescmders in einer Hinsicht erweist sich die Bedeutung der
heutigen Großsiedelungen in der Weiterentwicklung der verschiedenen
Bahnnetze. Die Knotenpunkte einer Anzahl von Linien sind es, die
immer mehr auf die Handhabung des Betriebes unserer Eisenbahnen,
sowohl im Personenverkehr wie im Gütertransport, einwirken. Es
ist klar, daß sie sich in größerer Zahl in den kulturell am meisten
vorgeschrittenen Gegenden eines Landes finden, und von ihrer Häufig
keit hängt dann in der Regel die Entwicklung eines lebhaften Lokal
verkehrs ab, das Wort im weiteren Sinne verstanden. Welche Be
deutung sie für den Verkehr einer größeren Landschaft besitzen,
zeigt das süddeutsche Verkehrsgebiet rechts vom Rhein, in dem allein
acht Hauptknotenpunkte des deutschen Schnellzugverkehrs auf einer
Fläche von insgesamt rund 100000 qkm gelegen sind, die ihre Be
deutung mit einer einzigen Ausnahme ihrer Lage an alten Verkehrs
linien und ihrer im Laufe mancher Jahrhunderte erwachsenen über
ragenden Stellung verdanken, während die Hauptknotenpunkte des
nördlichen Deutschland, von den westlichen Landesteilen abgesehen,
zu diesem Range im Eisenbahnverkehr zumeist erst durch neuzeitige
Einflüsse gelangt sind.
§ 6. Geographische Grundlagen des Verkehrs auf den Gewässern
des Binnenlandes.
Zunächst muß festgestellt werden, daß auch im Wasser verkehr,
genau wie im Verkehr auf dem festen Lande, das Ideal in der gerad
linigen ungestörten Verbindung zwischen zwei Punkten liegt! In
den physikalischen Eigenschaften des Mediums, in dem sich die bei
der Schiffahrt benutzten Verkehrsmittel bewegen, ist indessen noch
eine Reihe von hinderlichen und förderlichen Eigenschaften begründet,
die in der Beweglichkeit des Mediums, in diesem Falle also des
Wassers, und in der Veränderlichkeit seiner Masse an jeder beliebigen
Stelle einer Schiffahrtstraße sich äußern. Zu ihnen kommt endlich
noch eine weitere Eigenschaft der Gewässer, die zu bisweilen sehr
fühlbaren zeitlichen Einschränkungen des Verkehrs nötigt, nämlich
ihre Abhängigkeit von den Temperaturen winterkalter Gebiete.