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würden. Auch vor 1892 glaubte man in den Städten, die auf
Landkundschaft angewiesen sind, daß eine Verkürzung des Sonn
tagverkaufs ohne Schädigung nicht möglich sei; und heut sind
gerade die Geschäftsinhaber in diesen Orten mit der auf 5 Stunden
beschränkten Zeit recht zufrieden. In München wurde bei der
Agitation für die Sonntagsruhe auch die Rücksicht auf die
Landkundschaft als Gegengrund ins Gefecht geführt. Mit Recht
wurde aber dem entgegengehalten, daß die Landleute mit Rück
sicht auf Markt und Schranne mit Vorliebe an Wochentagen
ihren Bedarf nach Abwicklung des eigenen Geschäfts decken, des
Sonntags aber mehr die Wirtshäuser aufsuchen. Dies trifft
nicht bloß für Großstädte sondern auch für kleinere Ortschaften
zu, auch in diesen sind erfahrungsgemäß der regelmäßige Wochen
markt und die Jahresmärkte diejenige Zeit, in der die Landkund
schaft einkauft; der Sonntag kommt lange nicht in demselben
Maße in Betracht.
Nun die Konkurrenz der Hausierer! Über diese Konkurrenz
wird bereits seit langem geklagt. Aber am stärksten waren die
Klagen in den achtziger Jahren vor Einführung der jetzigen
Sonntagsarbeits-Bestimmungen. Man ersieht daraus, daß die
Verkürzung der Sonntagsarbeit auf das Wachstum des Hausier
gewerbes ohne Einfluß war. Seine Zunahme ist auf ganz
andere Ursachen zurückzuführen.
Vielfach wird auch versichert, daß der Verkauf am Sonntag
nur geringfügig ist, daß man aber aus alter Gewohnheit offen
halte; nicht wenige Geschäftsinhaber ganz besonders in größeren
Orten erklären, daß sie schließen würden, wenn ihr Konkurrent
es täte. Und in der Tat, die Sucht, die etwaigen Kunden
einander abzufangen, treibt hier die sonderbarsten Blüten.
Am 28. Juli 1902 wurde im Gewerbe- und Fortbildungs
verein zu Metz über die Frage einer erweiterten Sonntagsarbeit
mit Rücksicht auf die Militärbevölkerung beraten. Da erklärte
ein Herr Spautz, man solle sich doch keine Illusionen über das
Sonntagsnachmittagsgeschäft machen. Die Maimeßtage und die
der Reserviftenentlassung hätten es wahrlich oft und deutlich be