thumbs : Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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f  Arbeiter!  Parteigenossen!

.D  Seit  Zwei  Jahren  macht  sich  eine  furchtbare  Krisis
-A  im  Wirtschaftsleben  bemerkbar,  deren  tfnöe  noch  nicht
»  abzusehen  ist.  Hunderttausende  von  Arbeitern  bemühen
^  sich  vergeblich  um  Arbeit,  um  sich  und  ihre  Familie  vor
^  dem  Verhungern  zn  schützen.  In  sinnloser  Weis"  wurde.
wie  das  im  Wesen  der  privatkapitalistischen  Pr^ouktionßg*
  weise  liegt,  in  den  Jahren  des  Aufschwungs  ins  Blaue
^  hinein  gearbeitet.  Menschen  und  Maschinen  wurden  bis  an
3  die  Grenze  des  möglichen  ausgenutzt.  Die  MLllwrien-O
  Profite  steckte»  die  Unternehmer  in  die
H  Taschen,  die  Arbeiter  gingen  leer  aus.
Au8  Furcht,  ihr  Prosit  könnte  ihnen  durch  Lohnforderungen
£  geschmälert  werden,  suchten  die  Unternehmer  Sturm  zu
siS  laufen  gegen  das  Koalitionsrecht  derselben  Arbeiter,  auf
v»  die  sie  heute  durch  Lohnkürzungen  die  Folgen  der  Krisis
w  abwälzen.
Klingt  es  nicht  wie  Hohn,  wenn  man  unter  den
I?  heutigen  Verhältnissen  von  einer  gesicherten  Existenz  der
s*  Arbeiter  spricht?  Welcher  Arbeiter  ist  denn  davor  geschützt.
**L  ^ )on  morgen  auf  die  Straße  gesetzt  und  dem  Untergange
preisgegeben  zu  werden?  Aber  nicht  nur  die  privaten
ig-  Unternehmer,  nein,  auch  die  Gemeinden,  die  den  Privaten
!tr  mit  gutem  Beispiel  vorangehen  sollten,  der  Staat  und
iS  das  Reich,  deren  Betriebe  Musterbetriebe  sein  sollten  —
A.  sie  alle  predigen  und  bethätigen  daS  nackte  Unternehmero
  interesse  Und  die  wenigen  Ausnahmen,  die  wirklich  ein
'Äö  ^^2  für  die  Arbeiter  haben,  stehen  den  heutigen  Zuständen
.Z  ohnmächtig  gegenüber.  Dem»  diese  Zustände  sind  eine
o  Folgcerscheinnng  ber  kapitalistischen  Wirtschafts-^
  ordnnng,  sie  werden  erst  mit  dieser  verschwinden,
•g-  Pflästerchen.  wie  sie  weltfremde  Ideologen  und  Ethiker
«  empfehlen,  köniwn  das  Uebel  wohl  verkleistern,  aber  nicht
t*  heilen
Ü  .  Hub  um  das  Mag  des  Elends  voll  zu  machen,  um
2  die  Leiden  des  arbeitenden  Volkes  bis  zur  Unerträglichkeit
A  »n  steigern,  sich  selbst  aber  noch  mehr  zu  bereichern,  haben
die  Unternehmer,  unterstützt  von  Junkern  und  Pfuffen.
*-*  durch  fortgesetzte  Gewaltstreiche,  trotz  des  zähen  Wider-,8
  standeS  der  Arbeitervertreter  im  Deutsche»  Reichstage,  den
Wucher-tarif  dem  Volke  als  Weihnachtsgabe  dargebracht
£  Im  Kampfe  gegen  Brot-  und  Flcischwucher  hat
„S?  ~  abgesehen  von  einzelnen  Ideologen  und  Eingängern  —
^  nur  eure  Partei  ihren  Mann  gcstauden.  die
xA  Sozialdemokratie.  Die  reaktionäre  Mehrheit  des
Reichstages  aber  hat  sich  nicht  gescheut,  den  Fluch  der
L  Volksausbeutung  auf  sich  zu  laden,  und  die  angeblichen
VolkSfrennde  unter  Führung  des  freisinnige«  Helden
*2  Eugen  Richter  haben  der  Reafnon  hilfreiche  Hand
geleistet  und  sind  zv  Verrätern  an  de?  Sache  des  Volkes
geworden.

Arbeitskollegen!  Mit  einem  Schlage  hat
Euch  die  gesetzgebende  Körperschaft  des  Deutsche»
Reiches  die  geringen  Lohnerhöhungen,  die  Ihr
vielleicht  in  der  Zeit  der  Prosperität  nach  heißen,
aufopfernden  Kampfe»  errungen  habt,  wieder  entrissen. ­
  Die  parlamentarischen  Kämpfe  der  letzten  Monate
sollten  auch  dem  Jndiffcrcüteslen  die  Augen  öffnen  und
ihn  lehren,  sein  Recht  zu  gebrauchen.  Die  Erfahrung
lehrt,  daß  Ihr  vereinzelt  nichts  seid  und  nur  in  festgeschlossenen
  Reihen  etwas  erreichen  könnt.  Aus  dieser
Erkenntnis  heraus  schließt  Ihr  Euch  pflichtgemäß  (Suren
gewerkschaftlichen  Organisationen  an.  um  den  Ausbeutungsgelüsten ­
  der  Unternehiner  wenigstens  einigermaßen  entgegentreten
  zu  können.  Aber  die  gewerkschaftliche  Bewegung
allein  genügt  nicht  zur  Befreiung  der  Arbeiterklasse  aus
den  Fesseln  des  Kapitalismus.  Ihr  »nützt  Euch  auch
politisch  organisieren,  damit  Ihr  Einfluß  ans  die
Gesetzgebung  gewinnt  und  erfolgreich  gegen  Ausbeutung ­
  und  Vergewaltigung  ankämpfen  könnt.
Ihr  bildet  die  ungeheure  Mehrheit  des  Volkes  und  keine
Macht  ist  im  stände.  Euch  Eure  Rechte  auf  die  Dauer
vorzuenthalten,  sofern  Ihr  sic  nur  entschlossen  Und  zielbewußt ­
  gebraucht.
Politische  und  gewerkschaftliche  Bewegung
müssen  Hand  in  Hand  gehen.  Was  nützt  Euch  das
Koalitiousrecht.  wenn  eö  nur  auf  dem  Papier  steht,  aber
seine  praktische  Ausübung  durch  gekünstelte  GesetzesauSIegung
  vereitelt  wird,  ohne  daß  sich  im  Parlament
ein  flammender  Protest  gegen  eine  solche  Entrechtung
erhebt  Was  nützen  Euch  Lohnaufbesserungen,  wenn  sie
doppelt  und  dreifach  wett  gemacht  werden  durch  eine
Klassengesetzgebung,  der  daS  Interesse  der  Besitzenden  als
höchstes  und  einziges  Gesetz  vor  Augen  schwebt.  Erinnert
Ihr  Euch  nicht  mehr  der  12  000  Mark-Affaire.  die  aufs
deutlichste  gezeigt  hat.  daß  die  Regierimgsverlretcr  nichts
sind  als  die  Handlanger  der  Kapitalistenklique.
Noch  einmal  rufen  wir  Euch  zu:  organisiert  Euch
nicht  nur  gewerkschaftlich,  sondern  auch  politisch.
Welcher.  Partei  Ihr  Euch  anzuschließen  habt,  darüber
kann  kein  Zweifel  bestehen.  Die  wahre  Vertretung  der
Arbeiterinteressen  bietet  einzig  und  allein  die  Sozialdemokratie. ­
  Alle  anderen  Parteien  sind  im  Grunde  ihres
Herzens  arbeiterfeindlich,  wohl  betteln  die  Herren  bei  den
Wahlen  um  Eure  Stimmen,  aber  wenn  sie  gewählt  sind,
dann  keimen  sie  Euch  nicht  mehr  und  in  den  Stunden
der  Entscheidung  lassen  sie  Euch  im  Stich.  Laßt  Euch
nicht  von  denen  bethören,  die.  sei  es  in  Unkenntnis  der
thatsächlichen  Vorgänge,  sei  es  um  Euch  wieder  zu  Sklaven
zu  machen,  die  Aufforderring  zur  Abkehr  von  der  Sozialdemokratie ­
  an  Euch  richten.  Von  jeher  hat  nur  die  Sozial-46

  und  47.  Propagandaflugblatt  zum  Eintritt  in  die  Wahlvereine
            
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