Full text: Die deutsche Hausindustrie

§ 1. Begriff der Hausinduftrie 
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tritt jetzt an deffen Stelle die Abhängigkeit vom reichen Kaufherrn und Ver 
leger. Die Hausinduftrie war der handwerksmäßige Körper, der einen kauf- 
männifchen Kopf bekam (Schmoller). 
Als zweites Wefenselement der Hausinduftrie muß feftgehalten werden 
die Arbeit im eignen Haufe oder im Haufe eines Dritten. Zu diefer 
dezentralifierten Form des Betriebs wurde und wird der Verleger bewogen 
durch die Erwägung, daß er fo kein oder nicht viel Kapital in fefte Anlagen zu 
bringen braucht, daß er nur umlaufendes Kapital nötig hat. Für den haus- 
induftriellen Arbeiter ergab fich die Arbeit zu Haufe ganz von felbft, foweit 
es fich um verlegte ehemalige Handwerker oder um bäuerliche Nebenbefchäfti- 
gung handelt. Aber auch die Arbeiter in den modernen Hausinduftrien geben 
der Lohnarbeit im eignen Heim vielfach den Vorzug vor der Fabrikarbeit, 
namentlich foweit fie durch perfönliche Pflichten ans Haus gebunden find. 
Sie wahren fich durch das Verbleiben im eignen Heim ihre Selbftändigkeit in 
der Verfügung über ihre perfönliche Arbeitskraft, vor allem über die Zeitein 
teilung. Es fteht in der Tat der vorhin gefchilderten wirtfchaftlichen Ab 
hängigkeit der Heimarbeit eine gewiffe perfönliche Selbftändigkeit desfelben 
gegenüber. Während für den Fabrikarbeiter die Macht des Kapitals den ganzen 
Produktionsprozeß ergreift, Arbeitsftelle, Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen genau 
normiert, bleibt der Heimarbeiter in diefen Punkten felbftändig und frei: Frei 
heiten, die allerdings fehr häufig infolge der wirtfchaftlichen Abhängigkeit 
illuforifch werden. Immerhin aber ift dies das den Fabrikarbeiter vom Haus- 
induftriellen Unterfcheidende, daß jener mit vielen Arbeitsgenoffen auf be- 
ftimmte Zeit an die Fabrik gebunden, während der ganzen Produktion vom 
Fabrikanten und deffen Angeftellten beauffichtigt wird, diefer auf Beftellung 
des Verlegers im eignen Heim arbeitet, Zeit, Technik und Arbeitsordnung fich 
felbft beftimmt. 
Die perfönliche Selbftändigkeit des Heimarbeiters, auf die Liefmann und 
andere Autoren, teilweife auch die deutfehe Gefetzgebung, fo großes Gewicht 
legen, hat alfo in der „Arbeit zu Haufe“ ihren fachlichen Grund, ebenfo wie 
die Ifolierung der Heimarbeiter, die für die Lohnfrage ein ausfchlaggebendes 
Moment darftellt. Daß in der Hausinduftrie vorwiegend gegen Stücklohn, in 
der Fabrik mehr gegen Zeitlohn gearbeitet wird, ift daraus zu erklären. Was 
endlich bei vielen Hausinduftrien fo deutlich in die Erfcheinung tritt, daß 
verfchiedene es als Wefensmerkmal angefehen haben: die Herftellung von 
geringwertiger Maffenware faft ohne Zuhilfenahme von Mafchinen, über 
haupt eine zurückgebliebene Technik und eine durch diefe wieder verfchuldete 
wirtfchaftlich ungünftige Lage: alles das findet zum Teil wenigftens feine Er- 
Koch, Die deutfehe Hausinduftrie 2
	        
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