Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Wir  uns  nicht  wundern,  wenn  1458,  1460,  1462,  1465,  und  in  den
folgenden  Jahren  die  Alaunorte  Jschia,  Civita  Vecchia  bei  Tolfa  im
Kirchenstaate,  Volterra  im  Genuesischen,  wie  durch  Zauberwort  plötzlich
einen  abendländischen  Ruf  erhalten.  Das  ist  der  weltgeschichtliche  und
wirtschaftsgeschichtliche  Zusammenhang,  und  es  erscheint  mehr  als  nebensächliches ­
  und  schmückendes  Beiwerk,  wenn  die  Schriftsteller  am  Ende
des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  sich  in  Unklarheit  befinden, ­
  an  welchem  dieser  Orte  die  Alaunfabrikation  zuerst  aufgetaucht
sei,  wenn  sie  berichten,  daß  sie  zu  Jschia  durch  einen  Genuesen  namens
Bartolomeo  Pernice,  Perdix  oder  Pernix  aus  den  Alaungruben  von
Rocea x ),  zu  Civita  Vecchia  durch  einen  gewissen  Johann  de  Castro  aus
den  Alaunsiedereien  bei  Konstantinopel *  2  * ),  in  Norditalien  durch  den
Genuesischen  Kaufmann  Antonius  eingeführt  worden  sei,  und  daß
diese  Männer  durch  zufällige  alaunhaltige  Vulkanauswürflinge 4 )  oder
durch  die  in  den  Konstantinopler  Alaungruben  vorkommende  Pflanze
Ilex  aquifolmm  oder  durch  den  styptischen  Geschmack  des  Gesteins  auf
den  Alaungehalt 5 )  aufmerksam  geworden  seien.
Den  durch  die  Entdeckung  der  Alaungruben  von  Civita  Vecchia
den  Päpsten  zugefallenen  wirtschaftlichen  Vorteil  nicht  mit  Hilfe  der
ganzen  in  ihren  Händen  ruhenden  kirchlichen  und  politischen  Macht
auszubeuten,  wäre  ein  ebenso  unhistorisches  wie  unökonomisches  Vorgehen ­
  gewesen.  Der  Papst  ist  die  große  Sonne  des  Mittelalters,  um
welche  alle  Weltgeschehnisse  kreisen,  um  welche  sich  das  ganze  wirtschaftliche ­
  und  politische  Leben  dreht,  und  von  welcher  es  Licht  und  Leben
empfängt.  Unter  dem  Zauber  dieser  Ideenwelt,  umschlossen  von  der
Gemeinsamkeit  der  Kultur  und  der  Interessen  und  in  der  noch  lebhaften
Erinnerung  an  die  erlittenen  Schläge  durch  den  Islam  schließen  sich
die  christlich  europäischen  Staaten  zu  einem  für  Importe  unchristlicher
Herkunft  ziemlich  unzugänglichen  geschlossenen  Wirtschastskreise  zusammen.
Auf  unsere  Verhältnisse  angewandt  heißt  das,  daß  die  kleinasiatischen
Alaungruben  von  nun  an  für  das  Abendland  nicht  mehr  in  Betracht
kommen  durften,  so  daß  sie  tatsächlich  in  der  Folge  stark  zurückgingen.
Aber  nicht  nur  auf  die  außerhalb  dieses  Wirtschaftskreises  liegenden
Alaunwerke  sollte  sich  der  Boykott  erstrecken,  sondern  auch  innerhalb
der  christlichen  Kulturgemeinschaft  mußten  Erlasse,  unterstützt  durch
Kirchenbann  unter  den  Päpsten  Pius  II.,  Julius  II.,  Paulus  II.,
Paulus  IV.,  Gregorius  XIII.,  bei  der  Durchführung  des  päpstlichen
')  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  102,  119;  Heyd  1879,  Bd  II,  S.  554;  Kapp
1843,  Bd.  IV,  S.  56  ff.
2 )  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  122;  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  556.
8 )  Beckmann  1784,  S.  132;  Heyd  1879,  Bd.  II,  S.  556;  Bnsch  1795.
4 )  Beckmann  1784,  Bd.  II,  S.  119.  6 )  Beckmann  1784,  Bd-  II,  S.  123  sf
            
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