Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

87

breitung  verantwortlich;  aber  das  Gebot  der  Regierung,  wonach  alle
Hunde  getötet  werden  sollten,  wurde  auf  den  energischen  Einspruch  der
Lederbereiter  hin,  deren  Gewerbe  dadurch  in  Gefahr  geriet,  wieder
zurückgezogen 4  *  *  7  * ).  Neuerdings  hat  1902  der  „Verein  Deutscher  Gerber"
auf  eine  Anfrage  des  Staatssekretärs  des  Innern,  ob  und  in  welchem
Umfange  in  heimischen  Gerbereien  Hundekotexkremente  als  Gerbstoffe
Verwendung  finden,  ein  Gutachten  abgeben  lassen 2 ),  in  welchem  sich
leider  über  Mengenverhältnisse  keine  Angaben  finden;  1911  fühlte  sich
der  Polizeipräsident  von  Berlin  veranlaßt,  das  kgl.  Institut  für  Infektionskrankheiten ­
  um  Äußerung  über  die  Gefährlichkeit  des  in  der
Gerberei  verwendeten  Hundekots  für  die  Arbeiter  anzugehen 3 ).  Die  Ergebnisse ­
  dieses  Gutachtens,  der  Erfolg  aller  Privatbeobachtungen,  aller
Statistiken  stimmt  in  dem  einen  Punkt  mit  seltener  Klarheit  überein:
daß  die  vermutete  Gefährlichkeit  des  Hundekots  in  der  Tat  völlig  unbegründet ­
  ist 4 ).
Trotzdem  ist  natürlich  ein  Ersatz  des  Hundekots  durch  weniger
widerliche  Beizmittel  erstrebenswert,  und  die  hier  erzielten  Fortschritte
find  viel  bedeutender  zu  nennen,  als  wir  sie  oben  von  Eier-  oder  gar
von  Mehlsubstituten  verzeichnen  konnten.  Urinersatzbeizen  ,  Milchsäure ­
  «),  Tenuiskum  ff,  Oroponeff,  Erodin 9 ),  Phosphobutyraline 10  * )  sind
lauter  Substanzen,  welche  teilweise  in  ganz  beträchtlichen  Mengen  schon
Eingang  in  die  Industrie  gefunden  haben,  und  die  Namen  ihrer  Entdecker ­
  sind  zum  Teil  wohlklingende  Namen  in  der  Gerbereichemie.  Das
Wesen  besonders  der  neueren  unter  diesen  Ersatzstoffen  beruht  darauf,
daß  man  entweder  Enzyme")  oder  die  im  Hundekot  vorhandenen
Bakterien  in  Reinkulturen  herzustellen  sucht 12 ),  Probleme,  welche  gerade
bei  der  modernen  Strömung  der  Physiologie  und  der  Bakteriologie  als
besonders  aktuell  und  aussichtsvoll  erscheinen.  Im  großen  und  ganzen
aber  muß  man  sagen,  daß  es  bisher  noch  nicht  gelungen  ist,  vollkommen
brauchbare  Ersatzstoffe  für  Hundekot  zu  finden 4 ff,  und  daß  diese  Substanz ­
  daher  wohl  noch  in  einem  ähnlichen  Umfange  wie  früher  Haupt-  /
sächlich  aus  der  Türkei  und  aus  China  bezogen  wird 44 ).
Endlich  sei  noch  einer  Substanz  gedacht,  welche  heute  mehr  als
früher  Verwendung  findet,  das  ist  der
')  Schauplatz  1767,  Bd.  V,  S.  25.
ff  Schuh  und  Leder  1902,  Nr.  33,  S.  19.  -)  Ledermarkt  1911,  Nr.  79.
4 )  Ebenda  und  Zeitschrift  für  Angew.  Chemie  1911,  S.  1502.
ff  Berliner  Berichte  1910,  S.  115.  •)  Gerbercourier  1911,  Nr.  30.
7 )  Berliner  Berichte  1893,  Nr.  51,  1.  Beilage.
'  *)  Berliner  Berichte  1910,  S.  1391.
*)  Collegium  1911,  S.  201.  10 )  Gerber  1881,  S.  257.
u )  Collegium  1911,  S  201,  271,  276,  278,  281,  312,  324.
t2 )  Gerberkourier  1911,  Nr.  30.  ls )  Ebenda.  ")  Ledermarkt  1911,  Nr.  79.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.