Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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mit  Wasser  in  Gelatine  übergeführte  Haut  durch  Gerbstoffe  gefällt  wird,
war  er  zu  der  Auffassung  gelangt,  daß  das  Leder  gerbsaure  Leimsubstanz ­
  sei *  3  4  *  6  * ).  Mit  dieser  Anschauung  hatte  er  den  wissenschaftlichen
Ton  für  ein  halbes  Jahrhundert  angegeben.  Über  die  speziellere  zugrunde ­
  liegende  chemische  Vorstellung,  über  die  Weiterbildung  dieser
Theorie  durch  Beggins,  Humphry  Davy,  St.  Real  für  Sämischgerberei,
Dumas,  Berzelius,  Schubarth,  Schloßberger,  Gerhardt,  Payen  u.  a.  2 ),
über  die  in  Deutschland  großen  Anklang  findende  Hermbstädtsche
Theorie 8 ),  welche  natürlich  auch  in  das  Fahrwasser  dieser  rein  chemischen ­
  Ansicht  mehr  oder  weniger  einmündete,  soll  hier  nicht  gesprochen
werden,  weil  alle  diese  Nuancen  ohne  durchschlagende  bleibende  Erfolge
praktischer  Bedeutung  gewesen  sind,  und  weil  sie  auch  keine  wesentliche
Fortbildung  im  Sinne  der  folgenden  Theorie  bedeuten.
Äußerlich  wichtiger  ist  die  Bedeutung  des  französischen  Armeelieferanten ­
  Armand  Seguin,  welcher  als  Kind  und  Meister  seiner  Zeit
die  Selbständigkeit  des  von  jeder  Zufuhr  abgeschnittenen  Frankreich
behaupten  half,  als  er  die  französische  Armee  aus  seiner  Gerberei  in
Stzvres  mit  Leder  versorgen  half,  und  zwar  führte  er  die  bestellten
Lieferungen  aus  in  so  vielen  Monaten,  als  man  vorher  Jahre  gebraucht
hatte 4 ).  Auf  dieser  politischen  Bedeutung  beruht  der  Weltruf  Seguins,
und  das  Verfahren,  dessen  er  sich  dabei  bedient  hatte,  unterschied  sich
von  den  früheren  darin,  daß  er  an  Stelle  der  Gerbung  mit  Lohe  eine
Gerbung  mit  Lohbrühen  benütztes.  Die  Brühengerbung  hat  Seguin
nicht  erfunden,  durch  ihn  erhielt  sie  aber  ihren  Weltruf,  durch  ihn  und
durch  die  weltgeschichtlichen  Verhältnisse  seiner  Gerbung  wurden  nur
die  mittelalterlichen  Traditionen  gebrochen.  Die  Behauptung  Karmarschs
 8 ),  daß  die  Lederbereitung  mittels  Lohbrühe  vor  1775  unbekannt ­
  gewesen  sei,  ist  nicht  richtig;  in  ausgedehntem  Umfange  wurden
Lohbrühen  unter  primitiveren  Verhältnissen  schon  lange  angewandt,
aber  auch  am  ausgehenden  Mittelaller  waren  solche  Methoden  bekannt;
schon  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  finden  sich  in  Leipzig  Klagen
der  Schuhmacher  über  das  Gerben  mit  zu  warmen  Brühen');  1766
erfahren  wir,  daß  in  Frankreich  seit  ungefähr  20  Jahren  einige  Gerber
angefangen  haben,  Kalbfelle  und  Schöpsenselle  in  einer  warmen  Lohbrühe ­
  zu  gerben 8 ),  um  die  gleiche  Zeit  wird  vorgeschlagen,  zur  Be') ­

  Heinzerling  1882,  S.  4.  °)  Siehe  Sacknr  1860,  S.  4  ff.
3 )  Sackur  1860,  S.  6;  Almanach  1803,  S.  564;  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,
S.  169.
4 )  Vgl.  V.  Journal  1815,  Bd.  II,  S.  325;  Almanach  1804,  S.  509.
°)  Journal  des  Arts  et  Mannsactnres.  Tom.  II  und  Hermbstädt  1803,  S.  187.
6 )  Karmarsch  1872,  S.  48.  ')  Junghaus  1896,  S.  394.
8 )  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  416.
            
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