112
mit Wasser in Gelatine übergeführte Haut durch Gerbstoffe gefällt wird,
war er zu der Auffassung gelangt, daß das Leder gerbsaure Leimsubstanz
sei * 3 4 * 6 * ). Mit dieser Anschauung hatte er den wissenschaftlichen
Ton für ein halbes Jahrhundert angegeben. Über die speziellere zugrunde
liegende chemische Vorstellung, über die Weiterbildung dieser
Theorie durch Beggins, Humphry Davy, St. Real für Sämischgerberei,
Dumas, Berzelius, Schubarth, Schloßberger, Gerhardt, Payen u. a. 2 ),
über die in Deutschland großen Anklang findende Hermbstädtsche
Theorie 8 ), welche natürlich auch in das Fahrwasser dieser rein chemischen
Ansicht mehr oder weniger einmündete, soll hier nicht gesprochen
werden, weil alle diese Nuancen ohne durchschlagende bleibende Erfolge
praktischer Bedeutung gewesen sind, und weil sie auch keine wesentliche
Fortbildung im Sinne der folgenden Theorie bedeuten.
Äußerlich wichtiger ist die Bedeutung des französischen Armeelieferanten
Armand Seguin, welcher als Kind und Meister seiner Zeit
die Selbständigkeit des von jeder Zufuhr abgeschnittenen Frankreich
behaupten half, als er die französische Armee aus seiner Gerberei in
Stzvres mit Leder versorgen half, und zwar führte er die bestellten
Lieferungen aus in so vielen Monaten, als man vorher Jahre gebraucht
hatte 4 ). Auf dieser politischen Bedeutung beruht der Weltruf Seguins,
und das Verfahren, dessen er sich dabei bedient hatte, unterschied sich
von den früheren darin, daß er an Stelle der Gerbung mit Lohe eine
Gerbung mit Lohbrühen benütztes. Die Brühengerbung hat Seguin
nicht erfunden, durch ihn erhielt sie aber ihren Weltruf, durch ihn und
durch die weltgeschichtlichen Verhältnisse seiner Gerbung wurden nur
die mittelalterlichen Traditionen gebrochen. Die Behauptung Karmarschs
8 ), daß die Lederbereitung mittels Lohbrühe vor 1775 unbekannt
gewesen sei, ist nicht richtig; in ausgedehntem Umfange wurden
Lohbrühen unter primitiveren Verhältnissen schon lange angewandt,
aber auch am ausgehenden Mittelaller waren solche Methoden bekannt;
schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts finden sich in Leipzig Klagen
der Schuhmacher über das Gerben mit zu warmen Brühen'); 1766
erfahren wir, daß in Frankreich seit ungefähr 20 Jahren einige Gerber
angefangen haben, Kalbfelle und Schöpsenselle in einer warmen Lohbrühe
zu gerben 8 ), um die gleiche Zeit wird vorgeschlagen, zur Be')
Heinzerling 1882, S. 4. °) Siehe Sacknr 1860, S. 4 ff.
3 ) Sackur 1860, S. 6; Almanach 1803, S. 564; Hermbstädt 1807, Bd. II,
S. 169.
4 ) Vgl. V. Journal 1815, Bd. II, S. 325; Almanach 1804, S. 509.
°) Journal des Arts et Mannsactnres. Tom. II und Hermbstädt 1803, S. 187.
6 ) Karmarsch 1872, S. 48. ') Junghaus 1896, S. 394.
8 ) Schauplatz 1766, Bd. V, S. 416.