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sehen wollen, was die alte physiologische Theorie an praktischen Erfolgen
für den Fortschritt der Gerberei aufzuweisen hat.
In den Betrachtungen des ersten Teiles haben wir gesehen, daß
der Beginn des Eichenschälwaldproblemes etwa an den Anfang des
18. Jahrhunderts zu setzen ist, und dieses Problem mag zu einer so
scharfen Herausarbeitung der Gerbetheorien, wie wir sie kennen lernten,
geführt haben. Damit fällt also der Beginn des Eichenschälwaldproblems
in diese physiologische Epoche der Gerbelheorien, und sie konnte nun
sofort ihre Leistungsfähigkeit beweisen. Unter dem Gesichtswinkel dieser
Theorie wurde die einheimische Pflanzenwelt nach Gerbstoffen durchsucht,
und wenn auch die meisten Vorschläge unbrauchbar waren, so
führte diese systematische Durchsuchung doch zu dem Ergebnis, daß es
nicht die Eichenrinde in fast alleiniger Ausschließlichkeit sein müsse, mit
der man gerben könne, sondern daß die inländische Wirtschaft noch eine
ganze Anzahl weiterer sehr gut brauchbarer Gerbstoffe liefern könne.
Sogar auf dem Gebiet der künstlichen Gerbstoffe hat diese Theorie
bahnbrechend gewirkt. Die Destillation des Torfes zur Erzielung eines
zusammenziehenden, daher gerbend wirkenden Wassers durch Pfeiffer
1777 *) hatte freilich keine praktischen Erfolge, aber es war damit
immerhin ein neuer Weg betreten, welchen Asthon lediglich weiter verfolgte,
als er die zusammenziehend schmeckende Auflösung eines Eisensalzes
als Gerbmittel 1794 zum Patent anmeldete, um dieses dann
anderen Staaten um den Preis von 30000 Talern zu offerieren^).
Es war auch Asthon nicht gelungen, mit seiner Eisengerbung einen
durchschlagenden Erfolg zu erzielen, aber die Schuld an diesem Mißerfolge
dürfen wir nicht allein der zugrunde liegenden physiologischen
Theorie zuschieben; denn weder die rein chemische Theorie noch alle
späteren Theorien haben die Frage der Eisengerbung beantwortet, so
daß diese heute noch ein zwar eifrig bearbeitetes aber immer noch ungelöstes
Problem darstellt.
Alles in allem muß man also sagen, daß diese physiologische
Theorie, wenn auch ihre Vorstellungen unrichtig gewesen sind, ein außerordentlich
wichtiges Glied in der Reihe der Gerbetheorien darstellt; das
nicht nur wegen der außerordentlich langen Zeit ihrer Herrschaft, neben
welcher die Lebensdauer moderner Theorien wie das Leben von Eintagsfliegen
erscheint, sondern auch wegen ihres Einflusses auf den
praktischen Fortgang der Gerberei. Sie hat wahrscheinlich schon an
der Wiege gestanden bei der Erfindung der vegetabilischen Gerbung
überhaupt, sie hat uns den Übergang zur Alaungerbung vermittelt, sie
hat schließlich das Gebiet der vegetabilischen Gerbstoffe ganz bedeutend
i) Pelzer 1839, S. 257.
2 ) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 161-168.