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erweitert, aus ihrem Boden entspringt die Idee der künstlichen Gerbstoffe
wie auch die der Eisengerbung, und ich habe dieser Theorie schon
aus diesen Gründen einen breiteren Raum gewähren müssen. Vor
allen Dingen veranlaßte mich zu einer genauen Untersuchung und
Darstellung der Umstand, daß die Existenz dieser Theorie heute unbekannt
ist. Keine Geschichte der Chemie, kein noch so umsangreiches
Lehrbuch der Gerberei, keine Darstellung der Entwicklung chemischer
Theorien, keine Notiz in Zeitschriften irgendwelchen technischen oder
historischen Inhalts weist auf sie hin. Die ersten Technologien um die
Wende des 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts hatten so viel
mit ihrer eigenen Systematik und mit der Beschreibung von Äußerlichkeiten
zu tun, daß für genaue historische Untersuchungen, für eingehende
theoretische Erörterungen wenig Raum blieb; dazu kommt aber vor
allen Dingen als ausschlaggebend, daß die Gerberei und ihre Theorieen
auch heute noch in der Naturwissenschaft so sehr die Rolle der Aschenbrödel
spielen, daß diese in manchen Lehrbüchern überhaupt keine Berücksichtigung
finden. Die physiologische Theorie ist so vergessen, daß
z. B. Heinzerling, welcher sich bedeutende Verdienste um die Chromgerberei
erworben hat, und welcher gewjß während seiner langen auf
die Gerberei bezüglichen Untersuchungen alles zeitgenössisch wichtige
Material durchstudierte, 1882 schreiben konnte: „Seguin war der erste,
Melcher eine Erklärung des Gerbeprozesses, besonders der Lohgerbung,
Ende des vorigen Jahrhunderts zu geben versuchte" J ).
So wie das Ende des 18. Jahrhunderts in vielen und wichtigen
Punkten einen völligen Bruch mit der Vergangenheit bedeutet, wie es
für die geschichtlichen Systeme fast aller Entwicklungsreihen eine tiefe
Cäsur brachte, so bedeutet es auch für die Entwicklung der Gerbetheorien
einen völligen Abschluß und Neuanfang, so daß für diese hier zwar
eine historische, aber keine wissenschaftlich-logische Kontinuität mehr
besteht.
Blutig rot zog das neue Jahrhundert herauf, und, in Zusammenhang
mit den zahlreichen Kriegen der jungen französischen Republik
knüpft sich die neue Gerbetheorie, welche wir die rein chemische bezeichnen
können, an den Namen Seguins, des großen Schülers seines
großen Lehrers Lavoisier. Die Bedeutung Seguins liegt hauptsächlich
auf zwei Gebieten. Einmal nämlich hat der Chemiker Seguin in rein
wissenschaftlich-theoretischer Arbeit den schon 1793 von Deyeux (Apotheker
und Professor der Chemie in Paris) *) isolierten gerbenden Bestandteil
der Eichenrinde 1795 bestimmt, als eigentümlichen Körper
erkannt 3 ). und aus der Tatsache, daß die durch geeignete Behandlung
y Heinzerling 1882, S. 4. 2 ) Kopp, Bd. IV, S. 368.
*) Ebenda und Karniarsch 1872, S. 579.