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Die theoretischen Vorstellungen über die Glacögerbung sind Wohl
zum erstenmal durch Knapp schärfer formuliert worden. Da sie aber
ohne nachhaltige praktische Bedeutung blieben und wegen ihrer Kompliziertheit
einen verhältnismäßig großen Raum zur Darstellung beanspruchen
würden, so muß hier auf die einschlägigen Ausführungen
Knapps verwiesen werden st.
Die letzte und modernste Phase in der Entwicklung der Gerbetheorien
stellt die Reihe der physikalisch-chemischen Theorien dar.
Die rein physikalische Auffassung des Gerbeprozesses ließ sich bei genaueren
Untersuchungen doch nicht aufrecht erhalten, und so erleben wir heute
das gleiche Bild, wie es der Anfang des 18. Jahrhunderts geboten
hatte. Dort hatte die physiologische Theorie letzter Durchbildung in
einem rein mechanischen Gleichnis alle gerberischen Erscheinungen unter
der einzigen Kategorie „Verfilzung" zusammengefaßt, und sie war abgelöst
worden von dem bunten Strauß verschiedenartig nuancierter
chemischer Anschauungen; es war dem schöpferischen Genie Knapps
gelungen, unter dem einzigen wissenschaftlich vertieften Begriff „Oberslächenattraktion"
nicht nur das krause Gewirr widersprechender Ansichten
sondern auch alle tatsächlich in Betracht kommenden Verhältnisse noch
einmal gehorsam zu vereinigen, bis durch die fleißige Detailarbeit
eines breiteren, für Gerberei erwachten Interesses, jenes letzte einheitliche
Gebilde zerstört nnd abermals in eine ganze Anzahl mindestens ebenso
vieler Richtungen aufgelöst wurde, als man Gerbungsarten kennt st.
Um den Fortschritt gegen Seguin einerseits, welcher die Gerbung als
einen Desoxydationsvorgang erkannt hatte, gegen Knapp andererseits,
welcher sie rein physikalisch hatte erklären wollen, zu zeigen, sei z. B.
auf Fahrion hingewiesen, welcher auf Grund außerordentlich umfassender
experimenteller Studien zu der Ansicht gelangte, daß jede echte Gerbung
von einer Oxydation der Hautfaser begleitet sein muß; 1910 hat
Fahrion seine Anschauungen über das „Wesen der Gerbung" folgendermaßen
formuliert st:
„Die echte Gerbung ist in der Hauptsache ein chemischer Prozeß.
Auf rein physikalischem Wege, z. B. durch Adsorption eines Colloids
geht die Haut niemals in Leder über. Andererseits sind aber begleitende
physikalische Prozesse, wie Capillarattraktion, Diffusion, Adsorption unentbehrlich,
weil die Poren der Haut sehr eng, und daher die inneren
Hautmoleküle zunächst mit dem Gerbstoff, auch dem gelösten, gar nicht
in Berührung sind und daher auch nicht mit ihm chemisch reagieren
können.
st Siehe bes. Knapp 1887, S. 161.
st Vgl. z. B. 11. u. 14. Jahresbericht der Deutschen Gerberschule zu Freiberg
in Sachsen 1900 u. 1903. st Collegium 1910, S. 101.