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Endlich findet sich Material in der bereits oben angeführten großen,
hier irgendwie einschlägigen Litteratur aller Zeilen, sei es, daß sie ver
arbeitet ist, sei es, daß sie der Urform vorliegt.
Gehen wir nun von der Litteratur wirtschaftlicher Natur über zu
der Litteratur mehr technischen Inhalts, sogelangen wir auf
das Gebiet der Chemie und chemischen Technologie einerseits, der
Maschinentechnik andererseits. Es ist selbstverständlich, daß in den mo
dernen speziellen, großen, hier in Betracht kommenden Handbüchern
der chemischen Technologie alle Zweige der Gerberei, und somit auch
die moderne Weißgerberei, eine entsprechende Behandlung erfahren. Nur
sind alle diese Darstellungen, ganz im Sinne der modernen Natur
wissenschaft und mit Rücksicht auf ihren modernen wissenschaftlichen und
technischen Zweck, vollkommen unhistorisch. Dagegen enthalten allgemeinere
Lehr- und Handbücher der Chemie und auch der modernen Technik, so
merkwürdig das klingen mag, über Gerberei überhaupt nichts oder fast
nichts. Auf die eigentümliche Stellung der Gerberei, welche durch diese
Tatsache hier genugsam charakterisiert sein mag, werden wir an anderer
Stelle zurückkommen. Aber nicht nur das. Selbst die mehrbändige
Geschichte der Chemie von Kopp *) verzichtet vollkommen auf eine Dar
stellung der Entwicklung der Gerbetheorieen, und auch die moderne
Geschichte der Chemie von Ernst v. Meyer 1905 und andere lassen
sich an keiner Stelle auf die Fortschritte der Gerberei ein. Daraus
ergibt sich, daß man zum Studium der technischen Verhältnisse, seien
es theoretische Anschauungen, seien es Gerbemethoden, einzelne Verfahren,
Verbesserungen, seien es Maschinen usw., dann vor allen Dingen auch
zur Erkennung des Fortschritts und der Entwicklung immer wieder der
großen Aufgabe gegenübergestellt wird, die irgendwie hier einschlägige
Litteratur durchzustudieren. Für das Studium der Verhältnisse in
den letzten 40—50 Jahren eröffnet sich eine weitere große Litteratur
auch für diese Gebiete in den Zeitschriften.
So umfangreich nun auch diese große, soeben besprochene Litteratur
sich erweist, so ist sie dennoch nicht imstande, ein erschöpfendes, lebens
volles Bild der hier untersuchten Vorgänge und Zustände zu geben,
und deshalb bildet die wirkliche Grundlage für alle derartigen Unter
suchungen eine möglichst ausgedehnte und fleißige eigene Beobachtung.
Aus diesem Grunde habe ich durch Korrespondenz mit den Organi
sationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, mit einzelnen Fabriken und
Unternehmern und durch Rücksprache an Ort und Stelle in Groß
betrieben und kleinen Werkstätten die gewonnenen Ergebnisse zu prüfen
und neue zu gewinnen mich bemüht; soweit mir dies möglich war, habe
ich endlich durch Augenschein in Städten und Dörfern, in Groß-
i) Kopp 1843.