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Die Rotgerberei lieferte Leder für einen Verbrauch auch heute
noch bekannten Umfangs,- Stiefel, Schuhe, lederne Reisetaschen waren
wohl die Hauptabsatzquellen. Gelegentlich suchte man den Umfang des
Verbrauches zu erweitern; bekannt sind die Lederkanonen; der Nürn
berger Brunnen- und Röhrenmeister Martin Löhner (1636—1707)
verbesserte die Feuerspritzen durch Anbringung langer Lederschläuche *),
wie überhaupt lederne Schläuche damals bis ins 19. Jahrhundert^)
eine wichtige Rolle spielten. Auch zu Geschirrleder lieferte die Rot
gerberei das Material, aber damit sind wir schon übergegangen in das
Gebiet der Weißgerberei:
Lederne Riemen waren früher an Stelle der Seile und Stricke in
viel allgemeinerem Gebrauche, als dies heute der Fall ist. In den
Abgaben, welche Alfred der Große in England von den Norwegern
verlangte, hatte jeder Vornehme zwei 60 Ellen lauge Schiffstaue aus
Walfisch- oder Seehundfellen zu entrichten^); zum Nähen, Binden,
Hallen waren auch im späteren Mittelalter noch massenhaft Lederriemen
im Gebrauch, das Gewerbe der Riemer leitet daher seinen Namen,
und fast alle diese Riemen wurden aus weißgarem Leder geschnitten;
wir werden noch darauf zurückkommen, daß aus dem unbefugten Riemen
schneiden der Weißgerber Gewerbestreitigkeiten mit den Riemern ent
sprangen 4 * ). Somit war ein starker Verbraucher weißgaren Leders der
Krieg, und die Handwerke der Riemer und Sattler haben in den kriege
rischen Zeitläuften des Mittelalters die Zahl ihrer Mitglieder nicht
vermindert. Ein Produkt der Weißgerberei war vielleicht auch das
Lösch, welches allerdings Schulte für ein Erzeugnis der Lohgerberei
erklärt °); aber einmal ist die Behauptung: xartieum gleich rubra,
pellis gleich Lösch nicht ohne weiteres richtig, weiter sagt diese Gleichung
doch nur aus, daß Lösch rot gewesen ist, also wahrscheinlich mitunter
rot gefärbt, eine Vermutung, die noch durch das partiouin bestätigt
wird; denn gerade diese parthischen Felle waren wegen ihrer roten
Farbe berühmt; dann führten die Lübecker Weißgerber in der gleichen
Zeit (14./15. Jahrhundert) von der Bereitung rot gefärbten Weißleders
den ausdrücklichen Namen Roetlosschere 6 ), endlich diente der Lösch im
15. Jahrhundert nach Baaders „Chronik des Marktes Mittenwald" zur
Verpackung mancher im deutsch-italienischen Handel über die Alpen
gehender Waren, wie Seide, Goldtafeln, Töckelseide, Gold- und Silber
felle, Zendel, Sturtzhauben 7 ), und es ist wohl anzunehmen, daß man
zu Verpackungszwecken ein Leder schnellerer Gerbungsart verwendete
0 Mummenhoff 190t, S. 38. °) Vgl. Keeß 1829, Bd. II, S. 49.
8 ) Vierteljahrsschrift f. S. u. W. 1906, Bd. IV, S. 229.
0 Z. B. Würzburg V. 2028 Anno 1627. ») Schulte 1900, Bd. I, S. 718
°) Lübeck 1872, S. 388. ’) Simonsfeld 1887, Bd. II, S. 106.