Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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und  nicht  das  mindestens  ein  Jahr  in  der  Grube  liegende  Lohleder.
Auch  zu  Schuhfutter  wurde  schon  im  Mittelalter  das  schneller  hergestellte ­
  und  damit  billigere  Weißleder  verwendet 7 ).  Damit  ist  aber  der
Kreis  des  mittelalterlichen  Weißlederverbrauchs  noch  keineswegs  erschöpfend ­
  dargestellt;  denn  mit  seiner  Festigkeit  und  mit  einer  das  lohgare ­
  Leder  weit  überragenden  Schnelligkeit  der  Herstellung  verbindet
das  Weißleder  noch  eine  Eigenschaft,  welche  sogar  für  dasselbe  namengebend ­
  geworden  ist,  nämlich  die  weiße  Farbe.  Auf  dieser  Eigenschaft
beruht  seine  Verwendung  zu  feineren  Gebrauchsgegenständen;  die  kostbaren ­
  Lederstickereien  von  Cordova^),  das  im  Mittelalter  so  hoch  geschätzte ­
  vergoldete  Leders,  die  berühmten  spanischen  Guadamecils  zu
Tapeten  4 )  waren  hauptsächlich  aus  weißgarem,  seltener  aus  feinem
lohgaren  Leder  gefertigt.  Malereien  auf  weißgarem  Grunde  waren
nicht  selten,  und  im  Jahre  1800  brachte  ein  Nürnberger  Kaufmann
1200  Groß  (das  Groß  zu  12  Dtzd.)  auf  weißem  Leder  gemalte  Schuhblätter, ­
  also  172000  Stück,  auf  die  Märkte  nach  Königsberg  und
Danzig  5 ).
Eines  sehr  ausgedehnten  Verbrauches  erfreute  sich  endlich  auch  das
Sämischleder.  So  wie  heute  noch  bei  den  Bulgaren  ganze  Kleider 6 ),
wie  heute  noch  in  Rußland  Bettlaken,  Unterkleider,  Hosen,  Jacken 7 )
in  großem  Maßstabe  aus  Leder  gefertigt  werden,  so  kleidete  sich  auch
das  Mittelalter  in  viel  weiterem  Umfange  in  Leder  als  wir  das  heute
tun;  die  Hosen  der  Bauern  und  Handwerker  bestanden  aus  sämischem
Leder,  und  besonders  die  deutschen  sämischen  Hosen  bildeten  einen  Gegenstand ­
  starker  Ausfuhr^),  so  daß  z.  B.  eine  deutsche  Firma  in  Venedig
im  15.  Jahrhundert  einmal  „1826  Par  semessche  hosen" 9  *  * )  erhalten  hatte.
Auch  sämischgares  Ochsen-  und  Kuhleder  wurde  in  großen  Mengen
verbraucht  zur  Kleidung  der  Kavallerie  70 ),  überhaupt  zu  Armaturgegenständen
  von  Militär 77 ),  wie  starken  Gurten  und  Gewehrhängen  12 )  usw.,
so  daß  auch  für  die  Sämischgerberei  der  Krieg  einen  gesteigerten  Konsum
bedeutete 78 ).  Noch  ein  Konsument  der  Sämischgerberei  verdient  erwähnt
zu  werden,  nämlich  die  Handschuhmacherei.  Der  Gebrauch  des  Handschuhs ­
  in  Deutschland  läßt  sich  bis  an  den  Beginn  des  Mittelalters
zurückverfolgen.  Kaiser,  Könige  und  Bischöfe  trugen  bei  feierlichen  Gelegenheiten ­
  und  gottesdienstlichen  Handlungen  Handschuhe,  welches
7 )  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  91.  -)  Diercks  1887,  S.  26.
s )  Fioravanti  1664,  Bd  I,  S.  91.  4 )  Davillier  1878,  S.  33.
°)  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  190.  °)  Jmantschosf  1896,  S.  31.
7 )  Gerbercourier  1890,  Nr.  10.  8 )  Stieda  1894,  S.  90.
9 )  Stieda  1894,  S.  169.  ")  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
"l  Weißkirchner  1896,  S.  485.  ")  Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  111.
")  Becher  1759,  S.  1370.
            
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