Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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theoretischer  Möglichkeit  man  sich  überzeugt  hatte,  schließlich  doch  Eingang ­
  in  die  Praxis  gefunden  hat.
Kapitalistisch,  wie  es  gelöst  worden  war,  wurde  das  Verfahren
zunächst  auch  verbreitet.  „Die  Anfänge  der  Chevreauxfabrikation  involvierten ­
  die  Verwendung  von  Detektivs.  Als  wir  begannen,  Chromziegenfelle
  zu  machen,  wurden  wir  argwöhnisch,  daß  sich  Konkurrenten
zu  sehr  für  unser  Verfahren  interessierten.  Aufpasser,  welche  wir  gedungen ­
  hatten,  um  unsere  Arbeiter  im  Auge  zu  behalten,  teilten  uns
mit,  daß  manche  derselben  in  verschiedenen  Stadien  der  Fabrikation
befindliche  Felle  nach  anderen  Gerbereien  brachten.  Ferner  erfuhren
wir,  daß  einige  Arbeiter  ein  ungewöhnliches  Interesse  am  Geschäft  zu
entwickeln  begannen  und  die  Gerberei  um  fünf  Uhr  morgens  aufsuchten.
Da  sie  nach  dem  Stück  arbeiteten,  waren  wir  anfangs  nicht  so  argwöhnisch ­
  und  nahmen  an,  daß  sie  früh  fertig  werden  und  nach  Hause
zu  kommen  wünschten;  es  stellte  sich  jedoch  heraus,  daß  ihr  frühes
Aufstehen  von  einem  Konkurrenten  bezahlt  wurde,  dem  daran  lag,  durch
unsere  Leute  zu  erfahren,  wie  es  mit  unseren  Versuchen  stände.  Wie
viele  Felle  bei  dem  Suchen  nach  dem  richtigen  Verfahren  der  Chromgerbung ­
  verdorben  wurden,  wird  nie  enthüllt  werden.  Ein  Mann,  der
nach  Kontrakt  das  Dutzend  zu  so  und  so  viel  gerbte,  hielt  immer  einen
gewissen  Prozentsatz  Felle  zurück,  die  verdorben  waren,  und  als  er
gegangen  war,  entdeckte  man  einen  ganzen  Haufen  Leder,  das  so  gut
wie  wertlos  war*)."
Auch  dann  hat  sich  die  Chromgerbung  nicht  wie  ein  Flugfeuer
über  die  Welt  verbreitet.  Die  grünliche  Farbe  der  Fleischseite  erregte
das  Mißfallen  der  europäischen  Händler,  es  gelang  vielleicht  auch  den
europäischen  Fabriken  nicht  sofort,  das  Verfahren  nachzumachen,  und
erst,  als  der  europäische  Ledermarkt  durch  Import  amerikanischer  Produkte ­
  hinlängliche  Bekanntschaft  mit  dem  Chromleder  gemacht  hatte,  als
die  Konkurrenz,  welche  dasselbe  den  anderen  Ledersorten  machte,  zur
Herstellung  zwang,  faßte  die  Fabrikation  desselben  auch  in  den  europäischen ­
  Gerbereien  festen  Fuß^).
Wir  machen  hier  also  die  ganz  überraschende  und  geradezu  unbegreifliche ­
  Beobachtung,  daß  alle  die  Faktoren,  auf  welche  man  seine
Hoffnung  zu  setzen  gewohnt  ist,  bei  der  Betrachtung  eines  speziellen
Falles  sich  als  mindestens  vollkommen  unfähig  erweisen  und  vielleicht
durch  falsche  und  unzeitige  Kritik  eher  noch  geschadet  als  genützt  haben.
Der  Druck  des  Kapitalismus,  welcher  Europa  mit  seinen  Produkten
überschwemmte,  mußte  auch  diese  letzte  Bewegung  der  Chromgerbung
nach  Europa  durchführen.  Er  brachte  das  zustande,  was  alle  anderen,

*)  Ledermarkt  1904,  Nr.  95.

2 )  Gerber  1900,  S.  1.
            
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