Full text: Die Entwicklung der Weißgerberei

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auf, so in Prenzlau *), in Württemberg 2 3 ), vor allen Dingen aber in 
Kirchhain, wo früher hauptsächlich weiße Schaffelle hergestellt wurden, 
während seit Einführung der Gewerbefreiheit das braune Schaffell so 
sehr das Übergewicht bekam, daß von den 3 Millionen jährlich er 
zeugten Fellen etwa 2 / 8 mit Lohe und Lohextrakten gegerbt sind. Sie 
fabrizieren gewöhnlich Weißleder, daneben in großen Mengen braune 
Schafleder, weil letztere bessere Preise erzielen. 
Die Lebensfähigkeit dieses Handwerks hängt im wesentlichen 
von drei Momenten ab. Das eine Moment liegt begründet in der Art 
der Fabrikation. Wir'haben gesehen, daß die Verwendung von 
Maschinen, besonders der Stoll- und Zurichtemaschinen 8 ), bisher keine 
glücklichen Erfolge in der Weißlederfabrikation gezeigt hat, daher sind 
diese Operationen selbst in den größten Fabriken bis heute fast ausschließ 
lich Handarbeit; auf diesem Gebiete ist daher der handwerksmäßige Gerber 
mit der Fabrik mindestens konkurrenzfähig. Weitere Maschinen des fabrik 
mäßigen Betriebes sind vor allen Dingen die Entfleischmaschine, dann auch 
noch die Enthaarmaschine und das Walkfaß; letztere Maschinen werden 
von den Gerbern nicht angeschafft, sondern sie lassen entweder als Lohn 
arbeit in den größeren Betrieben ihre Felle entfleischen, oder sie besitzen nach 
Art des alten Handwerkers in bezug auf die Gerberwalke eine oder 
mehrere solcher Maschinen gemeinschaftlich, so daß sie in diesen Punkten 
mit der Fabrik konkurrenzfähig werden. 
Letzterer Punkt hängt aber zusammen mit dem zweiten Moment, 
in welchem die Lebensfähigkeit dieses Handwerks begründet liegt. Das 
ist nämlich die eigentümliche Art seines Vorkommens, und besonders 
Kirchhain in der Niederlausitz ist hierfür ein Schulbeispiel. Kirchhain 
hat 4000—5000 Einwohner, aber dabei etwa 80 Gerbereien 4 ), so daß 
es hier fast nur Gerber gibt. Durch diese räumliche Konzentration 
kleinerer handwerksmäßiger und größerer bis großer Betriebe erscheint 
der ganze Ort als eine einzige Gerbereianlage, und in diesem engen 
Zusammenwohnen, welches natürlich nur als Ergebnis der modernen 
Verkehrswirtschaft ermöglicht ist, liegt die Ursache der Lebensfähigkeit 
so vieler kleiner handwerksmäßiger Gerber. Eine Gesellenzahl von 
6—8 ist hier freilich keine Seltenheit, das sind die kleinen handwerks 
mäßigen Betriebe, aber sie sind fast alle nicht im Besitz einer einzigen 
Maschine. Durch diese starke räumliche Konzentration wird auch die 
Bedarfsdeckung und der Absatz ein ganz anderer. An solchen Orten 
oder in ihrer Nähe finden die großen Fellauktionen statt, und die 
Gerber haben die Möglichkeit, solche Auktionen zu besuchen und, wenn 
das eigene Kapital nicht ausreicht, durch Vermittlung eines Kommissionärs 
0 Mayer 1895, S. 117ff. 2 ) Nüblmg 1897, S. 437. 
3 ) Vgl. S. 168 u. 172. *j Vgl. Kirchhain 1894; I. f. N. 1877, Bd. XXIX, S. 311.
	        
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