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Ist es unverständlich, wenn die Arbeiterschaft, welche seit langem weiß,
wie die plötzliche Einführung des Maschinensystems gewirkt hat, der modernen
Arbeitstechnik, der modernen Betriebstechnik, all dem, was man als Taylo
rismos bezeichnet, mit dem allergrößten Mißtrauen gegenübersteht ? Wie
einst bloße Kenner der Maschinentechnik deren Segen für die Menschen priesen,
ohne die verderblichen Eigentümlichkeiten der überlieferten Lebensordnung ge
nügend zu berücksichtigen, so verkünden heute viele Kenner der Arbeits
und Betriebstechnik ein glückliches Zeitalter, das mit der Durchführung der
neuen Methoden anheben werde. Immer wieder erzählen uns die Anhänger
Taylors von den großen Gewinnen, welche die Fabriken erzielen, welche das
Taylorsystem einführen, von den Lohnerhöhungen, die sie ihren Arbeitern
zahlen, und übersehen, daß all diese Vorteile jiicht zuletzt darauf beruhen, daß
die Fabriken, welche zuerst die Neuerungen einführen, eine Art Monopol
stellung einnehmen. Sie können um so leichter den Arbeitern höhere
Löhne zahlen, als sie systematisch die geeignetsten Arbeiter aus der Fülle
des Angebots aussieben und den anderen Fabriken den weniger geeigneten
Rest lassen. Eine plötzliche allgemeine Einführung des Taylorsystems könnte
beim Weiterbestehen der freien Verkehrs Wirtschaft eine
ähnliche Katastrophe, wie seinerzeit die Einführung des Maschinensystems, zur
Folge haben. Wie lange wird es noch dauern, bis die Kenner der Arbeits- und
Betriebstechnik ausreichende Einsicht in die Gesellschaftstechnik, die Kenner
der Gesellschaftstechnik ausreichende Einsicht in die Arbeits- und Betriebs
technik besitzen?
Die Lücke, die hier klafft, muß bald gefüllt werden. Die Verwüstungen
des Krieges, die Notwendigkeit des Wiederaufbaues drängen zu einer weitgehenden
Taylorisierung, und es besteht die Gefahr, daß ein Mißerfolg gesellschaftlicher
Art das ganze System auf lange hinaus in Mißkredit bringen kann. Nur wenn
die Arbeiter selbst in ihrem eigenen Interesse, weil sie davon Verkürzung ihrer
Arbeitszeit oder andere Verbesserungen ihrer Lebenslage erwarten, für die
Taylorisierung eintreten, kann sie heute eingeführt werden. Wir wissen ja,
wie sich bisher die Arbeiterverbände gegen technische Neuerungen vertrags
mäßig zu sichern suchten, wie in England gewisse rationellere Arbeitsweisen
auf Kriegsdauer nach langen Verhandlungen unter der Bedingung zugelassen
wurden, daß nach dem Kriege wieder unrationeller gearbeitet wird. Die
Einführung arbeits- Und betriebstechnischer Neuerungen setzt die Einführung
gesellschaftstechnischer Neuerungen voraus. Das bedeutet aiber nicht, daß man
mit der methodischen Ausgestaltung der Arbeits- und Betriebstechnik warten
muß. Im Gegenteil, es würde sich empfehlen, die noch vorhandene kurze Spanne
Zeit bis zur allgemeinen Einführung der modernen wissenschaftlichen Betriebs
organisation zu einem wissenschaftlichen Ausbau aller einschlägigen Fragen zu
verwenden, ohne in irgendeiner Weise Partei zu ergreifen. Ein Maschinen
techniker unserer Tage kümmert sich in seinem Konstruktionsbureau auch
nicht um die gesellschaftlichen Wirkungen, welche die von ihm gebaute Maschine
ausüben wird, er beantwortet bestimmte an ihn gestellte Fragen. In gleicher
Weise kann man aber auch Arbeits- und Betriebstechnik betreiben.
Man kann eine Arbeit auf ihre Leistung hin untersuchen, ebenso aber
auch feststellen, wie sie auf Gesundheit und Behagen des Arbeiters
einwirkt. Tun wir denn nicht das gleiche auf dem Gebiete der Maschinentechnik?
Wir konstruieren ja nicht nur Maschinen, welche bloß besonders viel leisten,
sondern ebenso Maschinen, welche dabei möglichst wenig Staub erzeugen,
Maschinen, welche dabei möglichst wenig Lärm verursachen. Die Gewerbe
hygiene umfaßt unter anderem einen Teil der Maschinentechnik, der darauf abzielt,
die Gesundheit und das Behagen des Arbeiters zu erhöhen. Nichts wäre nahe
liegender als die Schaffung einer wissenschaftlichen Forschungs
anstalt für Arbeits- und Betriebstechnik, welche diesen Fragen
ihr Augenmerk zuzuwenden hätte, ohne dabei nach irgendeiner Richtung einen
einseitigen Interessenstandpunkt vertreten zu müssen.
Die nächste Arbeit wäre es dann, die Gesellschaftsordnungen zu füiden,
mit deren Hilfe bestimmte Formen der Arbeits- und Betriebstechnik, welche
Leistung, Gesundheit und Behagen gleichzeitig berücksichtigen, erfolg-