311
lichen Vereinigung hat die Erzeugung der Beizen zu verzeichnen. Eine
selbständige Industrie gründet sich jedoch, und auch hier erst seit kurzem,
auf die Herstellung der Milchsäure; während bis 1895 der geringe
Milchsäurebedarf zum Teil durch Einfuhr aus England gedeckt wurde,
entstanden seit 1895 in Deutschland eigene Spezialfabriken *), letztere
allerdings nicht allein durch den Bedarf der Gerberei hervorgerufen
und ermöglicht.
Hier, wie auch durch den Bedarf von Kalk, Arsenik und Chemikalien
steht die Gerberei mit dem Bergbau und mit der chemischen
Industrie in Verbindung.
Der Bedarf der Gerberei an Betriebsmitteln hat eine weitere
Reihe technischer und ökonomischer Verkettungen zur Folge. Im
Vordergrund des Interesses steht hier der Bedarf an Kraftmaschinen
und zwar dieser Bedarf weniger deswegen, weil er eine Abhängigkeit
der Gerberei von den solche Arbeitsmaschinen erzeugenden Jndustrieen
erkennen läßt — letzteres natürlich auch —, sondern hauptsächlich
deswegen, weil dieser Bedarf zwei interessante und beachtenswerte
Konsequenzen erzeugt. Die erste Konsequenz von mehr historischer
Bedeutung ist die rechtliche Einfügung der Gerberei auf Grund der zum
Betrieb der Walke erforderlichen Wasserkraft, sowie die ökonomische
Einfügung der Gerberei in den Kreis der Gewerbe, welche sich der
Walke als eines gemeinsamen Produktionsmittels bedienten Die zweite
Konsequenz von hervorragender gewerbepolitischer Bedeutung ist die
Zugänglichmachung der modernen Arbeitskräfte (Wasser, Dampf, Elektrizität
usw.) für das noch bestehende Handwerk in seinem Existenzkämpfe
gegenüber der Industrie. In welchem Umfange das möglich und
vorhanden ist, habe ich oben ausgeführt.
Die Betrachtung der Arbeitsmaschinen endlich hat ergeben,
welche Menge geistiger Konstruktions- wie auch technischer Präzisionsarbeit
geleistet werden mußte, und noch geleistet wird, um Arbeitsmaschinen
herzustellen, welche gleichmäßig dem Geiste des zu verarbeitenden
Rohmaterials wie auch dem Geiste der Maschine entsprungen sind.
Hiervon hängt es wesentlich mit ab, ob sich durch Erreichung der neuen,
vollkommenen, maschinellen Harmonie die Weißgerberei aus einem immer
noch mehr Manufakturellen Charakter wird zur Großindustrie entwickeln
können; damit freilich entscheidet sich auch der Kampf zwischen Industrie
und Handwerk weiterhin zu ungunsten des letzteren. Beachtenswert
sür die Industrie der Arbeitsmaschinen ist ihr Standort, welcher, wie
das auch bei anderen Jndustrieen zu beobachten ist, vom Standort der
Hauptverbraucher abhängt; da aber nur die Großindustrie der vege-1
) Dämmer 1911, Bd. I, S. 674 f.
s ) Vgl. S. 147 ff.