Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Platz  bieten,  und  gerade  die  Nürnberger  Ordnung  von  1535,  also  noch
aus  der  Zeit  reicher  Besetzung  der  Straße  mit  Jrhern,  wie  auch  die
aus  der  zweiten  Hälfte  des  15.  Jahrhunderts  stammende  Bemerkung:
„so  machen  die  irher  ir  prucken,  steg  und  Hütten  selber,  darmit  hat  der
stat  paumeister  nit  zu  tun"  *  *),  zeigen  uns,  daß  die  Hauptgewerbetätigkeit ­
  nicht  in  den  Häusern,  sondern  an  der  Pegnitz  stattgefunden  hat.
Noch  auf  einen  Punkt  sei  hier  hingewiesen,  und  dieser  gibt  uns
den  Schlüssel,  warum  die  Jrherstraße  so  plötzlich  von  den  Jrhern  geräumt ­
  wird,  warum  sie  auf  einmal  ihren  Charakter  verliert.  Bis  in
die  ersten  Jahrzehnte  des  16.  Jahrhunderts  beträgt  der  Hypothekenzins
meistens  4—6  Gulden,  selten  weniger,  er  sinkt  bis  2  Gulden,  und  nur
selten,  wenn  ein  Hinterhaus  vorhanden  ist,  oder  wenn  vier  Gemächer
unter  zweien  Dachungen  vorhanden  sind,  steigt  er  über  8  Gulden;  der
Kaufpreis  der  Häuser  beträgt  etwa  100—500  Gulden.  Dann  aber
steigt  der  Hypothekenzins  auf  20,  25  Gulden,  der  Kaufpreis  der  Häuser
steigt  auf  1500—2000  Gulden,  und  als  Ortsbezeichnung  tritt  in  den
Besitzwechselurkunden  nunmehr  der  „Neue  Pau"  auf;  es  wird  also  hier
gebaut,  es  werden  schönere  Häuser  errichtet,  die  Irher  haben  die  Möglichkeit, ­
  ihre  Häuser  verhältnismäßig  gut  zu  verkaufen,  und  so  verlassen
sie  die  Jrherstraße,  um  sich  anderswo  anzusiedeln.
Hier  erhebt  sich  nun  die  Frage,  wohin  sich  die  Irher
begeben  haben.  Dicht  neben  der  Jrherstraße  befindet  sich  die  Weißgerberstraße, ­
  und  manchen  ihrer  Häuser  ist  es  noch  anzusehen,  daß  in
ihr  wirklich  Gerber  gewohnt  haben.  In  einem  Nürnberger  Manuskript
aus  dem  17.  Jahrhundert  finden  wir:  „Das  übelriechende  Handwerck  der
Weißgerber  .  .  .  haben  eine  eigene  Gasse  zwischen  der  Jrrergaßen  und
dem  Neuanbau,  nach  ihrem  Handwerck  die  Weißgerbergassen  genannt"  2 ).
Hieraus  ergibt  sich  zunächst,  daß,  was  auch  die  obigen  Besitzwechselurkunden ­
  gezeigt  hatten,  im  17.  Jahrhundert  die  Jrherstraße  von  Jrhern
ziemlich  verlassen  gewesen  sein  muß.  Im  übrigen  geht  aus  diesem
Satze  kein  klares  Bild  über  die  Besiedlung  der  Weißgerbergasse  hervor;
«inige  Weißgerber  mögen  darinnen  gewohnt  haben,  so  wie  vorher  Irher
in  der  Jrherstraße  gewohnt  hatten,  aber  die  Hauptmenge  derselben
wohnte  wahrscheinlich  nicht  dort,  sie  wohnte  ebenso  zerstreut  wie  die
anderen  Handwerke  auch;  wäre  in  Nürnberg  eine  strenge  Einteilung
nach  Stadtquartieren  vorhanden  gewesen,  dann  wäre  es  nicht  möglich,
daß  im  14./15./16.  Jahrhundert  so  viele  Handwerker  anderer  Professionen
hätten  in  der  Jrherstraße  wohnen  können.  Die  Nürnberger  Meisterbücher ­
  führen  von  1383—1571  271  Irher  auf;  in  der  gleichen  Zeit
konnten  wir  als  in  der  Jrherstraße  wohnhaft  nachweisen  höchstens  41,
0  Bibl.  des  litt.  Vereins  zu  Stuttgart,  Bd.  LXIY,  S.  190  ff.
*)  Nürnberg,  17.  68.
            
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