Gegenstand und Stellung der Bevölkerungslehre 9
stande sein, die Fragen der Bevölkerungslehre auch nur einigermaßen
ausreichend zu behandeln, auch dann nicht, wenn man ihr Arbeits-
gebiet noch so weit zieht.
Die Bevölkerungslehre verlangt also eine gesonderte Behandlung
für sich. Um welche Fragen es dabei geht, ist oben bereits dar-
gelegt worden: um die Beziehungen zwischen Bevölkerung, Wirt-
schaft und Gesellschaft, die sich in ihrer Entwicklung gegenseitig
beeinflussen und bedingen. Diese Beziehungen lassen sich in doppelter
Weise feststellen und untersuchen: einmal in geschichtlicher, dann
in theoretisch-systematischer Weise. Wenn es gegenseitige Be-
ziehungen zwischen Bevölkerung und Wirtschaft gibt, wenn die Ent-
wicklung der ersteren auf den Gang der Wirtschaft eines Landes
einen bestimmten Einfluß ausübt und wenn auch das Umgekehrte
der Fall ist, dann muß es möglich sein, solche Beziehungen in der
Geschichte der einzelnen Völker und Länder aufzuweisen. Wir
werden sehen, daß sich auf allen Stufen der menschlichen Entwick-
lung derartige Beziehungen nachweisen lassen und daß daraus dann
auch immer wieder bestimmte Maßnahmen der allerverschiedensten
Art erwachsen sind, die vor allem den Zweck hatten, den Folgen,
die sich aus diesen Beziehungen zwischen Wirtschaft und Bevölkerung
ergaben, in einer. bestimmten Weise zu begegnen. Freilich, erst von
einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Entwicklung ab haben diese Maßnahmen eine Form und einen Um-
fang angenommen, daß man sie als bevölkerungspolitisch bezeichnen
kann. Das war erst dort und war erst dann möglich, als mit einer wenn
auch noch so einfachen staatlichen Organisation eine Zentralgewalt_
entstanden war, die solche Maßnahmen festsetzte und durchführte.
Im Zusammenhang mit solchen Problemen hat dann auch schon
frühe ein Nachdenken über diese Zusammenhänge zwischen Wirt-
schaft und Bevölkerung eingesetzt, jedenfalls schon weit früher, als
die ältesten gedruckten Überlieferungen zeigen, die auf uns gekommen
sind. Denn was für die meisten Wissenschaften gilt, das hat auch
volle Geltung für die Bevölkerungslehre, daß die theoretische Über-
legung und Betrachtung aus den konkreten Fragen des Tages, wie
sie das Leben stellte, erwachsen ist. Lange, ehe man von einer
Bevölkerungstheorie auch nur in bescheidenstem Maße sprechen
konnte, gab es bereits eine Bevölkerungspolitik, die vielfach
tief in das ganze Leben der damaligen Menschheit eingegriffen hat.
Gerade auf dem Gebiet der Bevölkerungslehre ist dieser Zusammen-
hang zwischen Theorie und Praxis ein ganz besonders enger. Nicht
nur, daß die theoretische Betrachtung aus den Erfordernissen des