Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

16

während  man  Kalbs-,  Schaf-,  Ziegen-,  Hunde-  und  dgl.  leichtere
Häute  unter  der  Bezeichnung  „Felle"  kennt.  Im  deutschen  Sprachgebrauch
ist  dieser  Unterschied  ziemlich  alt,  jedoch  war  die  Unterscheidung  auch
früher  keine  scharfe.  Eine  Würzburger  Taxordnung  1696  Z  kennt  z.  B.
die  Bezeichnungen:  Hirschhaut,  Wildhaut,  Rehfell,  Bock  haut,  Geiß  haut,
Hammels  haut,  Kalbfell,  Schaffell,  Lammsfell.  Der  Begründer  der
Technologie,  Beckmann  in  Göttingen,  suchte  schon  auf  Schärfe  des
Ausdrucks  hinzuwirken  2 ),  die  auf  ihn  folgende  praktische  Litteratur  hat
sich  ihm  angeschlossen  3 ),  aber  in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist
diese  Unterscheidung  bis  heute  noch  nicht.  In  der  ausländischen  Litteratur
macht  die  hier  mangelnde  Schärfe  des  Ausdrucks  oft  dem  Verständnis
Schwierigkeiten,  so  bei  Fioravanti  1564  Z,  wo  die  Bedeutung  von  pöUö
und  corame  oft  nicht  ganz  klar  ist.
An  der  einzelnen  Haut  sind  zu  unterscheiden  die  Fleischseite,  welche
man  in  der  Praxis  als  „Aasseite"  bezeichnet,  und  die  äußere,  mit  den
Haaren  bestandene  Seite,  die  „Narbenfeite".  Der  bei  Arbeitern  und
Werkführern  hin  und  wieder  zu  hörende  Ausdruck  der  „Nerm"  für
Narbenseite,  kurz  auch  der  „Narben"  genannt,  ist  offenbar  nichts  weiter
als  eine  dialektische  Verkrüppelung  des  Wortes  „Narben",  und  mag  als
Zwischenglied  das  Wort  „Nerben"  angeführt  werden,  welches  z.  B.  in
einer  Magdeburger  Ordnung  von  1686  B )  in  den  Zusammensetzungen
„Nerbenleder"  „Weißnerbenleder"  vorkommt.
Auf  weitere  Unterschiede  der  Wirbeltierhaut,  welche  sich  aus  Geschlecht, ­
  Alter,  Herkunft,  Fütterung,  Haltung,  Klima  und  aus  ihrer
Relation  zum  momentanen  Zustande  des  Haarkleides  ergeben,  soll  an
späterer  Stelle  zweckmäßiger  eingegangen  werden.
Hier  endlich  mögen  noch  einige,  in  wirtschaftlichen  Schriften  hin  und
wieder  zu  lesende  Ungenauigkeiten  Berichtigung  finden.  Wenn  z.  B.
Trier  *  *  6 )  bei  der  Begriffsbestimmung  von  Haut  sagt:  „Die  tierische
Haut  besteht  aus  drei..  .  Schichten",  so  ist  es  nach  dem  Gesagten  klar,
daß  weder  die  tierische  Haut  ganz  allgemein  aus  drei  Schichten  besteht,
sondern  nur  die  der  Wirbeltiere  (mit  alleiniger  Ausnahme  der  Akranier),
und  weiter  geht  aus  der  bisherigen  Entwicklung  hervor,  daß  nur  die
Haut  der  Fische,  Reptilien,  Vögel  und  Säugetiere,  uicht  aber  die  aller
übrigen  Tierklassen  als  Gegenstand  der  Gerberei  in  Betracht  kommen
kann.  Und  wenn  es  heißt 7 )  „auf  der  Oberseite  der  tierischen  Haut  befinden ­
  sich  oft...  Haare  oder  Borsten",  so  kommen  hier  nur  die
Mammalien  in  Frage  mit  völligem  Ausschluß  aller  anderen  Wirbeltiere
und  der  übrigen  sechs  Tierstämme.  Solche  Definitionen  hängen  damit
i)  Würzburg  1696.  -)  Beckmann  1796,  S.  276.
8 )  Siehe  z.  B.  Gall  1824,  S.  22.  *)  Fioravanti  1564,  Bd.  I,  S.  11.
6 )  Magdeburg  1686,  Meisterstück.  6 )  Trier  1909,  S.  1.  7 )  Ebenda.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.