Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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J

Rot-,  Hoch-  und  Damwild,  wozu  wir  für  höhere  Breiten  auch  noch
die  Renntiere  rechnen  wollen,  ein  Übergangsstadinm  darstellt  zwischen
der  Bedarfsdeckung  an  Häuten  bei  ursprünglicheren  Zuständen  der  Wirtschaft ­
  und  zwischen  der  Bedarfsdeckung  an  Häuten  aus  den  durch  die
menschliche  Wirtschaft  über  die  ganze  Erde  verbreiteten  Haustieren.  Die
Felle  dieser  Tiere  gehören  ursprünglich  zu  den  Rohstoffen  des  mit  Tran
gerbenden  Weißgerbers,  d.  h.  des  Sämischgerbers,  wozu  sie  sich  auch
nach  ihren  Entstehungsbedingungen  besonders  gut  eignen.  Es  ist  nun
interessant  zu  sehen,  wie  der  allgemeine  wirtschaftliche  Charakter  eines
Landes  im  Sinne  obiger  Darlegung  übereinstimmt  mit  der  Menge  der
Felle,  welche  von  ihm  auf  den  Markt  gebracht  werden,  und  mit  der
Art  der  Verwendung  dieser  Häute  und  Felle.  In  den  deutschen  Gerbereien
wurden  im  17.  und  18.  Jahrhunderts  Hirschhäute,  natürlich  neben
einem  ausgedehnten  Verbrauch  in  den  Weißgerbereien,  sogar  noch  lohgar
gemacht.  Es  spricht  dies  für  einen  großen  Reichtum  des  Landes  an
solchen  Tieren,  da  die  Hirschhaut  in  diesem  Falle  einer  niedrigeren
Verwendungsmöglichkeit  zugeführt  wird,  als  ihr  nach  unseren  Anschauungen ­
  gebührt.  Daß  man  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts
noch  in  Deutschland  ziemlich  stark  mit  diesen  Wildhäuten  rechnete,  geht
auch  aus  folgendem  Satze  Zinckes  2 J  hervor:  Es  „wird  die  Jagd  der  wilden
Tiere  .  .  .  durch  ...  den  Ruin  der  Wildstände  und  Wälder  mit  ihrer
Lieferung  der  Häute  sehr  eingeschränkt".  In  Frankreich  wurden  derartige ­
  Häute  und  Felle  um  diese  Zeit  nicht  mehr  lohgar  gemacht;  neben
wenigen  inländischen  Provenienzen a )  wurden  sie  hauptsächlich  aus  Kanada
und  Louisiana,  daneben  auch  aus  Deutschland  und  Spanien  bezogen
und  fast  ausschließlich  den  Weißgerbereien  zugeführt.  In  Rußland  nahm
zur  Zeit  Peters  des  Großen  die  Verarbeitung  von  Renntier-  und  Elenhäuten ­
  eine  hervorragende  Stellung  in  den  Weißgerbereien  für  die
Lederindustrie  des  Landes  ein^),  und  auch  heute  noch  werden  Rennund
  Elenhäute,  jetzt  aus  Schweden  und  Norwegen  bezogen 5 ),  in  großen
Mengen  sämischgar  gemacht.  Neuerdings  scheint  man  in  Amerika  zur
Überführung  von  Hirschhäuten  in  Gloveleder  die  alten  Gerbemethoden
durch  eine  kombinierte  Chromglacegerbung  ersetzen  zu  wollen").
Eine  eigentümliche  und  sehr  schwankende  Wertschätzung,  welche  an
die  der  eingangs  besprochenen  Bindegewebe  erinnert,  hat  das  Pferdeleder ­
  durchgemacht.
Auf  der  ersten  Stufe  wirtschaftlicher  Wertschätzung  und  Verwendung
gehört  das  Pferd  unzweifelhaft  noch  zu  den  Tieren  vom  Range  des
eben  besprochenen  Schwarz-  und  Hochwildes.  Hier  ist  die  Pferdehaut
-)  Schauplatz  1766,  Bd.  V,  S.  417.  -)  Becher  1759,  Bd.  II,  S.  1372.
Schauplatz  1775,  Bd.  IV,  S.  120.  4 )  Gerbercourier  1901,  Nr.  35.
6 )  Gerbercourier  1890,  Nr.  10.  6 )  M.  A.  Gerbemethodeu  1903,  S.  282.
            
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