Full text: Die Entwicklung der Weißgerberei

38 
einen solchen ans der Provenienz sich ergebenden Fundamentalunter 
schied aus; denn die natürliche Decke eines wild, vollkommen im Freien 
aufgewachsenen Tieres zeichnet sich nach den Bedingungen seiner Ent 
stehung und seiner Existenz durch eine ganz besondere Festigkeit, größere 
Zähigkeit und Geschmeidigkeit aus; deswegen sind die geschätzten Wild 
häute der Weißgerberei vor allen Dingen die Decken junger Tiere, 
welche den Gegenstand der sog. hohen Jagd bilden *). Solche Häute 
werden gern sämischgar gemacht, weil bei solchem Leder seine natürlich 
festen und geschmeidigen Eigenschaften voll zur Geltung kommen. Die 
Berühmtheit des orientalischen Chagrins wegen seiner Festigkeit^) und 
die Haltbarkeit des ungarischen Roßleders 3 ) beruhen auf der Ver 
wendung wilder Pferde- bzw. Eselshäute, während gelegentliche Ver 
bote zur Verwendung von Pferdeleder 4 ) für bestimmte Zwecke und der 
ganze oben schon besprochene schlechte Ruf der Pferdehäute seinen Grund 
weniger hat in der ungenügenden Beschaffenheit des Pferdeleders als 
solchem, als vielmehr in der Verarbeitung der Häute von alten, ab 
getriebenen Tieren, welche meist seit früher Jugend eine freie Weide 
nicht mehr gesehen haben. 
Ähnlich wie mit dem Pferdeleder verhält es sich mit dem Rind 
leder. Die Unverwüstlichkeit des echten ungarischen Leders aus ungarischen 
Ochsenhäuten °), die Güte des Juchtens aus der Haut von oft beinahe 
wildem zwei- bis dreijährigem Rindvieh 6 ), die Berühmtheit des eng 
lischen Rind- und Kalbleders 7 ), welches bekanntlich ebenfalls auf großen 
freien Weiden wächst, auch die Zähigkeit und Festigkeit der wilden süd 
amerikanischen Büffelleder haben ihren Grund in dieser Tatsache; end 
lich haben tvir die Ursache der oft bewunderten Güte des Leders un 
zivilisierter Völker, welche meist nur sehr primitive Gerbemethoden 
kennen, in eben den besprochenen Momenten zu suchen. 
Bei der Beurteilung der Häuteprovenienz ist weiter von Bedeutung 
das Herkunftsland, und dieses hauptsächlich wegen des in ihm herrschenden 
Klimas. Heiße Länder erzeugen im allgemeinen weniger dichte Haar 
decken als kalte Gegenden; das aus Afrika 8 ) stammende Schaf trägt 
dort keine Wolle, sondern Haare, und erst, wenn es diese für sein Ge 
deihen weniger günstigen Lebensbedingungen verläßt, beginnt sich das 
Haar zur Wolle zu kräuseln; gewisse Gebiete der Erde, namentlich 
trockene Steppenländer 9 ), erzeugen besonders feine Wollen, und schon 
-) Wiener 190t, S. 63. °) Pallas 1781, Bd. I, S. 325. 
Handwörterbuch der Chemie und Physik August usw. 1845, S. 229. 
*) Schauplatz 1767, Bd. VI, S. 57. °) Schauplatz 1767, Bd. VI, S. 88. 
°) Beckmann 1796, S. 286; Rüst 1844, S. 326. 
7 ) Hermbstädt 1807, Bd. II, S. 181. 8 ) Beckmann 1805, Bd. V, S. 4. 
») Friedrich 1911, S. 1.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.