Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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einen  solchen  ans  der  Provenienz  sich  ergebenden  Fundamentalunterschied ­
  aus;  denn  die  natürliche  Decke  eines  wild,  vollkommen  im  Freien
aufgewachsenen  Tieres  zeichnet  sich  nach  den  Bedingungen  seiner  Entstehung ­
  und  seiner  Existenz  durch  eine  ganz  besondere  Festigkeit,  größere
Zähigkeit  und  Geschmeidigkeit  aus;  deswegen  sind  die  geschätzten  Wildhäute ­
  der  Weißgerberei  vor  allen  Dingen  die  Decken  junger  Tiere,
welche  den  Gegenstand  der  sog.  hohen  Jagd  bilden  *).  Solche  Häute
werden  gern  sämischgar  gemacht,  weil  bei  solchem  Leder  seine  natürlich
festen  und  geschmeidigen  Eigenschaften  voll  zur  Geltung  kommen.  Die
Berühmtheit  des  orientalischen  Chagrins  wegen  seiner  Festigkeit^)  und
die  Haltbarkeit  des  ungarischen  Roßleders 3 )  beruhen  auf  der  Verwendung ­
  wilder  Pferde-  bzw.  Eselshäute,  während  gelegentliche  Verbote ­
  zur  Verwendung  von  Pferdeleder 4 )  für  bestimmte  Zwecke  und  der
ganze  oben  schon  besprochene  schlechte  Ruf  der  Pferdehäute  seinen  Grund
weniger  hat  in  der  ungenügenden  Beschaffenheit  des  Pferdeleders  als
solchem,  als  vielmehr  in  der  Verarbeitung  der  Häute  von  alten,  abgetriebenen ­
  Tieren,  welche  meist  seit  früher  Jugend  eine  freie  Weide
nicht  mehr  gesehen  haben.
Ähnlich  wie  mit  dem  Pferdeleder  verhält  es  sich  mit  dem  Rindleder. ­
  Die  Unverwüstlichkeit  des  echten  ungarischen  Leders  aus  ungarischen
Ochsenhäuten  °),  die  Güte  des  Juchtens  aus  der  Haut  von  oft  beinahe
wildem  zwei-  bis  dreijährigem  Rindvieh  6 ),  die  Berühmtheit  des  englischen ­
  Rind-  und  Kalbleders 7 ),  welches  bekanntlich  ebenfalls  auf  großen
freien  Weiden  wächst,  auch  die  Zähigkeit  und  Festigkeit  der  wilden  südamerikanischen ­
  Büffelleder  haben  ihren  Grund  in  dieser  Tatsache;  endlich ­
  haben  tvir  die  Ursache  der  oft  bewunderten  Güte  des  Leders  unzivilisierter ­
  Völker,  welche  meist  nur  sehr  primitive  Gerbemethoden
kennen,  in  eben  den  besprochenen  Momenten  zu  suchen.
Bei  der  Beurteilung  der  Häuteprovenienz  ist  weiter  von  Bedeutung
das  Herkunftsland,  und  dieses  hauptsächlich  wegen  des  in  ihm  herrschenden
Klimas.  Heiße  Länder  erzeugen  im  allgemeinen  weniger  dichte  Haardecken ­
  als  kalte  Gegenden;  das  aus  Afrika 8 )  stammende  Schaf  trägt
dort  keine  Wolle,  sondern  Haare,  und  erst,  wenn  es  diese  für  sein  Gedeihen ­
  weniger  günstigen  Lebensbedingungen  verläßt,  beginnt  sich  das
Haar  zur  Wolle  zu  kräuseln;  gewisse  Gebiete  der  Erde,  namentlich
trockene  Steppenländer  9 ),  erzeugen  besonders  feine  Wollen,  und  schon

-)  Wiener  190t,  S.  63.  °)  Pallas  1781,  Bd.  I,  S.  325.
Handwörterbuch  der  Chemie  und  Physik  August  usw.  1845,  S.  229.
*)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  57.  °)  Schauplatz  1767,  Bd.  VI,  S.  88.
°)  Beckmann  1796,  S.  286;  Rüst  1844,  S.  326.
7 )  Hermbstädt  1807,  Bd.  II,  S.  181.  8 )  Beckmann  1805,  Bd.  V,  S.  4.
»)  Friedrich  1911,  S.  1.
            
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