Vorwort.
Als Herr Reichsrat v. Schanz mich zu einer Untersuchung über
die Entwicklung der Weißgerberei veranlaßte, schien zunächst dieses Thema
historisch mit der Einwanderung der Refugics in Deutschland und sach
lich mit der Glaccgerbung erschöpft werden zu können. Im Laufe der
von mir schon von Vorneherein größer geplanten Untersuchung ergab
sich aber bald die Notwendigkeit einer nach Umfang und Inhalt be
deutenden historischen und sachlichen Vertiefung der ganzen Entwicklung,
weil die Glacegerbung, welche in der Theorie nicht zu der eigentlichen
Weißgerberei, sondern vielmehr zu den Kombinationsgerbungen ge
rechnet wird, nur eineu kleinen Teil der Weißgerberei jüngster Phase
darstellt, weil früher echte Weißgerberei neben der Lohgerberei sowohl
für die Produktion im Lande als auch für den Export einen bedeutenden
Platz einnahm, und weil schon im Altertum die Methoden der Weiß
gerberei bekannt gewesen sind; es mußte neben dieser echten Weiß
gerbung also die Glacegerbung, und daher mit gleichem Rechte die eben
falls zur Kombinationsgerbung gehörige Ungarische Weißgerberei unter
sucht und wenigstens kurz besprochen werden; weiter mußte aus wirt
schaftlichen Gründen auf die Sämischgerberei und Pergamentmacherei
eingegangen werden, und wegen des eigentümlichen Zusammenhanges
zwischen Korduan und den weißgaren Ledern verlangten auch die
feineren rotgaren Methoden und die primitiven Formen der Lohgerberei
eine wenigstens gelegentliche Berücksichtigung. Die Betrachtungen über
die Entstehung des Handwerks, über die Kompetenzkonflikte der Zünfte,
über Arbeitsteilung, dann über Spezialisation und Kombination führten
endlich stellenweise dazu, sogar den ganzen Komplex der in Leder ar
beitenden Gewerbe in den Kreis der Betrachtungen zu ziehen — kurz,
es läßt sich die Weißgerberei nicht außerhalb des Zusammenhanges
mindestens der Leder erzeugenden Gewerbe untersuchen und darstellen.
Daß in keiner Phase der historischen Entwicklung die Betrachtung auf
Deutschland beschränkt bleiben konnte, ist ohne weiteres verständlich;