Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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dem  Rücken  der  Seevögelfelle  ihre  dünnen  leichten  Unterkleider,  aus
den  Bäuchen  die  warmen  Winterkleider  und  aus  den  Hälsen  die  schönen
Staatspelze  *),  eine  Auswahl,  die  vielleicht  mehr  mit  Rücksicht  auf  die
Federn  als  auf  die  Haut  getroffen  ist;  aber  die  Dicke  der  Haut  spielt
allein  eine  Rolle,  wenn  z.  B.  zu  echt  orientalischem  Chagrin  nur  das
Rückenstück  der  wilden  Pferde  und  Esel  dicht  über  dem  Schwanz  ausgewählt ­
  wird 1  2 ),  und  es  klingt  wie  eine  Erinnerung  an  frühe  Zustände, ­
  wenn  uns  von  den  Schustern  der  Stadt  Loitz  erzählt  wird,  daß
sie  noch  in  jüngst  verflossenen  Zeiten  bei  gewissenhafter  Arbeit  nur
zwei  Paar  Stiefel  aus  einer  Pferdehaut  schnitten,  nämlich  aus  den
Hinterkeulenstücken,  während  die  übrigen  Teile  der  Haut  zu  Hinterteilen
und  Einlagen  verarbeitet  wurden
Seit  jenen  frühen  Zeiten  hat  dann  die  Haut  den  Menschen  bei
seiner  Entwicklung  unentwegt  begleitet,  sie  ist  in  seine  Technik,  in  seine
Kunstfertigkeit,  in  seine  Wissenschaft  eingegangen,  die  geschickten  Hände
und  des  Menschen  denkender  Fleiß  haben  sie  mit  unermüdlicher  Ausdauer
bearbeitet  und  geformt,  und  so,  wie  die  Gattungen  der  Hautmaterialien
im  Laufe  der  Zeit  sich  gewandelt  haben,  wie  auch  die  Technik  allmählich ­
  sich  geändert  hat,  so  sind  in  diesen  stillen  Vorgängen  des
Werdens  und  den  Prozessen  des  Wechsels,  welche  alle  niemals  viel  von
sich  reden  gemacht  haben,  auch  die  gewerblichen  Organisationen  und  die
sozialen  Eingliederungen  dieser  oft  eine  eigentümliche  Stellung  einnehmenden ­
  Klasse  von  Werkleuten  andere  und  andere  geworden;  und
wie  wir  in  folgendem  die  Hautmaterialien  begleiten  wollen,  wie  sie
unter  der  elementaren  Macht  des  Bedarfs  sich  zu  Leder  bis  herauf  zu
den  feinen  glacegaren  Formen  gestalten,  wie  wir  sie  dann  wenigstens
in  Kürze  auch  noch  verfolgen  wollen,  wie  die  aufs  höchste  veredelten
Hautmaterialien  unter  des  Menschen  kundiger  Leitung  langsam  wieder
in  das  stille  Reich  der  anorganischen  Natur  zurückkehren,  so  werden
wir  auch  sehen,  wie  manchmal  im  Zusammenhang  mit  diesen  Änderungen
auch  die  wirtschaftlichen  Systeme,  welche  die  äußere  Fassung  der  gewerblichen ­
  Arbeit  darstellen,  sich  gestalten  und  ändern,  wir  werden  sehen,
wie  Technik  und  Wirtschaft  nie  aus  dem  großen  allgemeinen  Rahmen
der  jeweiligen  Weltanschauung  heraustreten,  und  wie  sie  dabei  dennoch
immer  ihren  spezifischen  Charakter  wahren.
8  3.  Die  Konservierung  der  Haut.
Schon  in  früherer  Zeit,  neuerdings  aber  in  immer  mehr  steigendem
Maße,  gelangen  die  Hautmaterialien  nicht  in  frischer,  grüner  Form,
1)  Cranz  1770,  58b.  I,  S.  220.
2 )  Pallas  1781,  S.  325;  Poppe  G.,  58b.  II,  §  651,  S.  339.
3 )  Aebert  1895,  S.  38.
            
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