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ein besonderes Vertrauen bei seinen Kunden besitzt, kann aus dem
gleichen Grunde einen höheren Aufschlag machen, als die benachbarten
Geschäfte. Die Wertschätzung seiner Ware erweist sich bei den
Kunden höher als derjenigen seiner Konkurrenten.
Bei der hohen Bedeutung, welche man eine lange Zeit der Marx-
schen Werttheorie beilegte, müssen wir auf diese noch besonders ein-
gehen.
Karl Marx geht davon aus, daß, wenn im volkswirtschaftlichen
Tauschverkehre zwei Gegenstände dem Werte nach gleich geschätzt
werden, notwendig eine gemeinsame Grundlage vorhanden sein müsse.
Die Nutzbarkeit des Gegenstandes erweise sich nun nicht als gleichartig,
da das subjektive Ermessen der Schätzenden ausserordentlich verschieden
sei, und wir haben diese Ungleichartigkeit ausdrücklich anerkannt und
darzulegen gesucht. Marx nimmt als die überall gemeinsame Grund-
Jage, sich an Ricardo anlehnend, das Quantum notwendiger Arbeitszeit
an, welches die Herstellung der Ware unter den vorhandenen, gesell-
schaftlich normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen
Grade von Geschick und Intensität der Arbeit erfordert. Er meint
damit einen objektiven festen Maßstab gewonnen zu haben. Das ist
indessen durchaus nicht zuzugeben. Hr selbst erkennt an, daß zwischen
Arbeit und Arbeit ein sehr bedeutender Unterschied ist, er hilft sich
über die Schwierigkeit dadurch hinfort, daß er qualifizierte Arbeit eines
Künstlers auf einfache Arbeit reduzieren will, wodurch er dem subjek-
tiven Ermessen des Schätzenden wiederum verfallen ist. Um die zur
Herstellung einer Statue, eines Romans, eines wissenschaftlichen Werkes
notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit festzustellen, fehlt ein jeder An-
halt, ebenso wie zur Herstellung einer neuerfundenen Maschine, eines
neuen Färbemittels etc. Nur wenn man die Bedeutung der Leistung
des Unternehmers, eines Ingenieurs ignoriert, wie es von Marx geschieht,
oder sie ausdrücklich als unproduktiv bezeichnet, wie Rodbertus, kann
man die einfache physische Arbeit als Maßstab acceptieren, Die
ganze Grundlage der Marxschen Ausführung, daß notwendig zur Ver-
gleichung ein objektiv gleicher Maßstab zur Wertschätzung vorhanden
sein müsse, ist durchaus nicht anzuerkennen, sondern es liegt in der
Eigentümlichkeit der Wertschätzung, daß das subjektive Moment eine
ebenso große Rolle spielt, wie das objektive in den Eigenschaften des
geschätzten Gegenstandes. Da Marx anerkennen muß, daß seine
Werttheorie die thatsächlichen Vorgänge der Wertschätzung nicht zu
erklären vermag, sondern mit ihnen überall in Widerspruch gerät, so
hilft er sich mit der Konstruierung eines Gegensatzes zwischen Preis
und Wert, und behauptet, daß in jenen Fällen, wo das Seltenheits-
moment eine Rolle spielt, und dadurch thatsächlich die Schätzung eine
weit höhere ist, als der aufgewendeten Arbeit entspricht, nur der Preis
gesteigert sei, nicht aber der Wert. Mit anderen Worten, er stellt &
priori einen wirtschaftlichen Begriff des Wertes auf und sucht die that-
sächlichen Vorgänge mit Gewalt diesem Begriffe anzupassen. Er deutet
sie willkürlich seiner vorgefaßten Meinung zu liebe, während es allein
die Aufgabe der Wissenschaft ist, die Thatsachen zu erklären und auf
Grund derselben die Beegriffsdefinitionen aufzustellen.
Marx.
NYonrad, Grundrifs der nolit. Oekonomie. I. Teil. 4. Aufl