Full text: Arbeiterschaft und Kolonialpolitik

Die Aufgaben der Internationale 
„Gerade in jenen Ländern, in denen sich die Politik des Bürger- 
:ums am Vvollständigsten durchgesetzt hat, die politisch demokratischen 
Forderungen‘ der Arbeiterklasse in ihren sozial bedeutsamsten Forde- 
ungen verwirklicht sind, muß der Sozialismus als einzige Antwort auf 
len Imperialismus in den Vordergrund der Propaganda gerückt werden, 
ım die Unabhängigkeit der Arbeiterpolitik zu sichern, und ihre Über- 
egenheit zur Wahrung der proletarischen Interessen zu erweisen“, 
(Hilferding, Finanzkapiial 8, 472.) 
Die Frage nach der Stellungnahme der Sozialistischen Ar- 
beiterinternationale zum Kolonialproblem ist identisch mit der 
Frage der Stellung des Sozialismus zum Imperialismus. Denn 
es. kann heute niemand mehr ernsthaft in Zweifel ziehen, daß die 
moderne Kolonialpolitik — und um sie allein handelt es sich — 
nichts anderes’ ist als die praktische Betätigungsform des Im- 
perialismus in ihrer höchsten Steigerung. Es ist in diesem 
Rahmen natürlich ganz unmöglich, die Theorie des Imperialis- 
mus, die ja auch innerhalb der sozialistischen Wissenschaft 
durchaus keine einhellige ist, zu entwickeln. Für unseren Zweck 
genügt es, den oben angeführten Fundamentalsatz des jungen 
Hilferding zum Leitsatz der sozialistischen Politik zu machen. 
Aus der Einsicht, daß der. kapitalistische Expansionstrieb Le- 
bensbedingung der kapitalistischen Gesellschaft ist, folgt für 
das Proletariat die Notwendigkeit des beständigen Kampfes 
gegen diese Politik. 
Die Entwicklung des letzten Jahrzehntes hat uns auch auf 
diesem Gebiete bewiesen, ..daß die praktische Durchführung 
dieser grundsätzlichen Forderung, wie die. konsequente sozia- 
listische Politik überhaupt, identisch ist mit dem aktiven Ein- 
setzen der Kräfte der Arbeitermassen gegen jene kapitalistischen 
Tendenzen, die sich selbst das Grab graben. In unserem: Kampfe 
gegen die Kolonialpolitik finden wir heute zwei mächtige Bun- 
desgenossen vor: die wirtschaftliche Entwicklung drängt zu der 
Umwandlung der bisherigen Kolonien in wirtschaftlich unab- 
hängige Staaten; und zum zweiten hat diese Entwicklung schon 
ihren starken ideologischen Niederschlag gefunden in dem: Er- 
wachen der Kolonialvölker, die unsere stärksten Bundesgenossen 
sind, aber auch auf unsere Bundesgenossenschaft warten. 
„Je stärker die Durchkapitalisierung der Kolonien, desto 
geringer der Surplusprofit“, stellt Sternberg richtig fest. Noch 
sind aber die Surplusprofite, die. aus den Kolonien gezogen 
werden, erheblich höher als die aus der inländischen Betätigung 
des Kapitals folgenden. Darum halten die Kapitalisten mit zäher 
Energie an ihrer Kolonialpolitik fest; es besteht daher nicht die 
geringste Aussicht, daß die herrschende Klasse irgendeines 
Landes sich auf die Seite der Arbeiterschaft stellen wird. Auch 
die Tatsache, daß die gegenwärtige ökonomische Krise sich
	        
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