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Erwin Respondek,
vorauszusehen sind, konnte nicht im Interesse der Banques d’affaires
liegen. Sie würden durch eine freiwillige, bewußte Begünstigung des
Kriegskurses in weit höherem Maße nur ihre eigene Kraft erheblich
schwächen und die aus einem großen Kriege resultierenden Schäden
selbst in einem recht reichlichen Umfange auf sich nehmen müssen.
Daher suchten sie auch die ersten Sturmzeichen frühzeitig zu bannen,
ihnen ihren verderblichen Inhalt durch tatkräftiges Zufassen zu neh
men. Ihre Kunst und Macht erwies sich jetzt aber entgegen der ge
waltig angeschwollenen kriegerischen Strömung als ohnmächtig. Sic
konnten weder den Krieg verhindern noch seine Vorboten, die sich in
einem krisenhaften Verhalten von Börse und Kunden äußerten, ge
nügend meistern. An den letzten Tagen vor Kriegsausbruch wuchsen
die Ereignisse vollends zur Panik aus. Schnell griff die allgemeine
Krisis um sich, und alles suchte in kopfloser Bestürzung seine Einlagen
zum Teil gewaltsam aus den Depots zu ziehen und seinen Effektenbesitz
an der Börse zu verkaufen, bis Moratorium und Börsenschluß ein kate
gorisches Halt geboten.
Der Krieg stellte die Banques d’affaires in einen neuen Aufgabenkreis 1 ),
deren Ziele und Lösung vollends nicht klargelegt werden können, da der
endgültige Ausgang und fühlbare Einfluß des noch währenden Kampfes
auf ihre Lage abzuwarten ist. Nach zwei Richtungen vornehmlich sind
die Credit-Mobilierbanken bemüht, ihre Politik nach den gegebenen Zu
ständen einzuschlagen und einzuhalten. Es ist zu scheiden, einmal eine
Geschäftspolitik gegenüber den Kunden und dann die Verfolgung eigener
Interessen, die in erster Reihe auf die Festigung ihrer Lage zielen. Die
Hauptaufgabe erblickten die Banken daher zunächst darin, die ein
schneidenden Bestimmungen des Bankmoratoriums abzuschwächen,
um den Kunden ihre schwierige Lage nicht noch zu verschlimmern.
Sie ließen im Einvernehmen mit den Depositenbanken durch die Ge
setzgebung die Auszahlungsquoten von 5 auf 20, 25, 40, 50 % staffeln
und bereits Ende Dezember 1914 wurde von ihnen der uneingeschränkte
Zahlungsdienst wieder aufgenommen 2 ). Gleichzeitig führten sie allmählich
eine Liquidation — freilich nur in sehr geringem Umfange — der durch
Börsenschluß bewirkten Ultimoprolongationsgeschäfte durch und ent
lasteten dadurch die Debitoren. Durch diese beiden Hilfsmaßnahmen
ermöglichten die Banques d’affaires ihren Kunden die Befriedigung ihrer
Bedürfnisse für neue Geschäfte, kräftigten damit zugleich, wenn auch in
bescheidenen Grenzen, das allgemeine wirtschaftliche Leben, oder stellten
die freien Gelder in den Dienst der nationalen Anleihen. Freilich konnte
diese Hilfe den Kunden nur in eng gezogenen Grenzen zuteil werden,
da die Banken auch für die Aufrechterhaltung, Förderung und Festigung
ihres eigenen Betriebes ernste Sorge zu tragen haben. In der eigenen
b Vgl. Geschäftsbericht der Banque Framjaise pour le Com. et l’Ind. (L’Economiste
Frangais) 1916, No. 3, 25. Januar 1916, S. 158.
) Das Bankmoratorium wird ausführlicher unter dem Absatz „Depositenbanken“
zusammenhängend behandelt.