Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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haben einen ihnen eigenen Zug, def durch die Pflege eines Geschäfts
zweiges zum markanten Ausdruck gelangt ist, entwickelt. Es ist
dies die in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten im vorherrschenden
Maße betriebene Emissionstätigkeit ausländischer Wertpapiere. In
Verbindung mit den Banques d’affaires und unter dem Drucke der
französischen Regierung haben die Depositenbanken das französische
Kapital in eine Richtung gelenkt, die neben gewinnpolitischen im
wesentlichen auch durch rein politische Gedanken bestimmt wurde,
und die sich im Kriege als ein fundamentaler Fehler offenbarte. Bei
dieser Politik der Anleihe-Emissionen muß einige Zeit verweilt werden,
sie ist eingehender darzulegen, denn hier dürften die Wurzeln der heu
tigen finanziellen Schwäche der französischen Republik zu finden sein.
Frankreich ist Kapitalgeber 1 ) für die ganze Welt. Nur wenige
Länder gibt es, die nicht durch französisches Geld reichlich durchtränkt
und noch heute der Republik tributpflichtig wären. Diese Hingabe
von Kapitalien wurde seit vielen Jahrzehnten in Frankreich durch die
Emission ausländischer Anleihen durchgeführt. Hierdurch wuchs der
Wertpapierbesitz der Franzosen zu einer auffallenden Höhe
heran. Es möge zunächst eine Berechnung des wahrscheinlichen Wert
papierbesitzes gegeben werden, bevor auf die Ursachen und Ziele dieser
Erscheinung näher eingegangen wird.
Als Grundlage für den rechnerisch zu erfassenden Bestand der an
den französischen Börsen zugelassenen Wertpapiere wird gewöhnlich
die Börsen-Statistik zugezogen. Hiermit sind aber eine Reihe von Fehlern
verbunden. So werden in erster Linie solche Papiere nicht erfaßt, die
keinen offenen Markt haben, also die an der Coulisse zugelassenen Werte.
Diese Summen sind nicht gering. Lachapelle sagt hierüber;
,,Die verborgenen Emissionen ausländischer Effekten haben in diesen
letzten Jahren eine sehr große Ausdehnung angenommen . . .“ 2 ). Er schätzt
den nominellen Betrag der jährlich ohne öffentliche Zeichnung und ohne
Prospekt ausgegebenen Wertpapiere auf rund 1000 Mill. Frcs. Für die
Jahre 1905—1914 stellt er folgende Tabelle (S. 114) auf (in Mill. Frcs.);
Dagegen beträgt die Summe der in gleicher Periode an der Pariser
Börse offiziell zugelassenen Wertpapiere für französische Werte 12 300,
für ausländische Werte 22 400 MUL Frcs.
Weitere Fehlerquellen bieten die recht hohen Beträge, die aus den
Rückkäufen durch das Ursprungsland entstehen, dann der Abfluß nach
dorthin durch spekulative Arbitrage, Tilgung, Auslosung und zahlreiche
andere Momente, die statistisch gar nicht erfaßt werden können. Im
wesentlichen müssen hier vorsichtige Schätzungen die statistischen Er
hebungen begleiten.
h Arndt betont dieses Wort, da nach seiner Ansicht die Bezeichnung Frankreichs
als „Bankier“ nicht zütrifft. Bankier heißt bei ihm der „Kapital-Vermittler“, während
doch Frankreich Kapital hingibt.
2 ) a. a. O. S. 198.
Kespondek, Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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