Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft.
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und ähnliches mehr ständig zu klagen hätten. Dieses Argument weist
Arndt ganz zu Recht mit den Worten zurück; „Selbstverständlich
aber können derartige Schwierigkeiten für tatkräftige Unternehmer
in einem 40 Millionenvolke, das Freizügigkeit besitzt, kein wirkliches,
dauerndes Hindernis bilden. Man kann doch nicht im Ernste behaupten,
daß willensstarke, kapitalkräftige Fabrikanten oder entschlossene Re
gierungs-Vertreter nicht imstande sein würden, zur Anlage von Elektri
zitätswerken in den Gebirgsgegenden, zum Betrieb von Hochöfen und
Stahlwerken im Nordosten, zum Ausbau der großen Häfen usw. genügend
Arbeitskräfte zu vereinigen“ 1 ).
Als ein weiteres Hindernis an der Entfaltung aller produktiven Kräfte
erscheint dem Franzosen schließlich noch der Staat. Auch dieses Urteil
klingt immer wieder in den Antwortschreiben der Befragten anklagcnd
hervor. Der Staat erscheint ihnen gleichsam als ein ständiger Verfolger,
der stets darauf bedacht ist, jeden Fleiß, der von gewinnbringendem
Erfolg begleitet ist, mit hohen Steuern zu erfassen. So fehlt dem Fran
zosen das Vertrauen zur Sachlichkeit und Ehrlichkeit der öffentlichen
Gewalten, und nichts charakterisiert die Spannung zwischen Bürger
und Staat besser als ein Ausspruch von Yves Guyots; „Wie könnte
der Staat dem Sparer Vertrauen einflößen ? Er verschleudert und macht
Schulden. Der Minister und der Beamte wird immer das Interesse des
Sparers Erwägungen der inneren oder äußeren Politik unterordnen:
weit entfernt, Sicherheit zu bieten, können diese nur als störende Ele
mente aufgefaßt werden“ 1 2 ).
So fanden die Ersparnisse des Volkes weder in Handel noch in In
dustrie und Verkehr Arbeit und lohnende Verwendung. Sie nahmen
daher zunächst ihren Weg zu den Banken und Sparkassen. In
welchem Maßstabe diese Entwicklung vor sich ging, zeigen zwei Zahlen.
In den drei großen Sammelbecken Frankreichs, Credit Lyonnais, So-
ciete Generale, Comptoir National d’Escompte de Paris, waren die
fremden Gelder:
Im Jahre 1872 427,00 Mül. Frcs.
„ „ 1913 5354,0° „
Diese hohen Geldeinlagen sicherten den Depositenbanken in Frank
reich eine monopolartige Stellung und ermöglichten es ihnen, die Zins
sätze nach ihrem Belieben zu normieren. Und sie verzinsten die Gut
haben nur sehr niedrig. Gelder, die nicht vor einem Jahre kündbar
sind, erzielten im Durchschnitt nur 1 % im Jahre. Kurzfristige Gdder
oft nur y 2 % oder gar o %. Die natürliche Folge dieser Zinspolitik
war, daß die Rentner ihre Ersparnisse nicht als Depositen liegen lassen
wollten, vielmehr in der Effekten-Anlage ihr Heil erblickten. Diese
Strömung nach einem besseren Zins wurde von den Banken beachtet,
und zunächst führten sie die Sparkapitalien den französischen Staats
1 ) a. a. O. S. 44.
2 ) a. a, O., Finance Universelle, April 1913, S. 12. Angeführt nach Arndt.