97
Liebei (geb. 1882 zu Waldsee i. Wttbg.) und Dr. C. Cheneval, ein
Schweizer, in die Handelsteilleitung ein.
Dieser Ausbau des Handelsteiles, mit dem ein Zentrumsblatt
zum ersten Male mit der übrigen großen Presse in Wettbewerb
trat, erwies sich als eine weittragende Tat. Sie war zwar mit
vieler Arbeit und großen Kosten verknüpft, hob aber die Ver
breitung und das Ansehen der KV in einem Maße, daß sie auch
von ihren politischen Gegnern beachtet und bezogen wurde.
Am 4. Dezember 1888 ging der Verlag zur Ausgabe eines eigenen
Kursblattes als Ergänzungsblatt über, das mit den Zügen gegen
’/*5 Uhr nachmittags zum Versand kam. Es wurde zunächst nur an
die Bezieher in den größeren rheinischen Städten versandt. Weil es
außer dem Kurszettel auch die neuesten Handelsdrahtberichte enthielt,
wuchs die Auflage ständig (am 18. Juni 1890 wurde es zum ersten Male
nach Westfalen versandt) bis es endlich am 12. März 1898 als „Drittes
Blatt“ der Gesamtauflage angegliedert wurde. Zum regelmäßig drei
mal erscheinenden (d. h. dreimal ausgetragenen und versandten) Blatte
wurde aber die KV erst am 26. Februar 1903. Schon im Jahre vorher
waren die eigenen Hauptvertretungen der Geschäftsstelle (Agenturen) auf
die Städte Aachen, Bonn, Brühl, Düren, Düsseldorf, M.Gladbach, Mül
heim a. Rh. und Neuß ausgedehnt worden, durch welche seit 1903 die
Zeitung durch besondere Boten vom Bahnhof aus täglich dreimal aus-
getragen wird. Eine Haaptvertretung der Geschäftsstelle in Berlin W,
Potsdamerstraße 127 b, wurde am 10. November 1904 eröffnet (seit
15. März 1909 W 66, Leipzigerstraße 123 a) im Anschluß an das Berliner
Schriftleitungsbüro.
Die Entwicklung des Handelsteils der KV wurde weiter gefördert
durch den am 16. Februar 1890 erfolgten Ankauf des in Köln erscheinenden
„Allgemeinen Anzeigers für Rheinland-Westfalen (Köl
nische H a n d e 1 s z e i t u n g)“. Der Name wird heute noch im Titelkopf
der Zeitung weitergeführt.
Der Kaufmannswelt diente die KV zu Ende der 1880er Jahre auch
noch durch die Aufdeckung eines verbreiteten Londoner Schwindels. In
der Morgenausgabe vom 30. September 1887 erschien zuerst ein Artikel
„Deutsche Schlittenfahrer in London“, mit welchem eine
lange Reihe ähnlicher Arbeiten eingeleitet wurde. Der Ausdruck Schlitten-
fahrer bezeichnete in der Londoner Kaufmannswelt die unreellen Ge
schäftstreibenden, die sieh von Deutschland mit Hilfe schön bedruckter
Briefbogen und selbstbesorgter „Auskünfte“ Waren kommen ließen, die sie zu
bezahlen dann vergaßen. Verfasser dieser gut geschriebenen in Deutschland
großes Aufsehen hervorrufenden Enthüllungen war der aus Westpreußen
stammende, in London lebende Kaufmann Stephan Reuschel, der sich
des Decknamens „Rollo“ bediente. Als er auch einen gewissen Opitz
100 Jahre J. P. Bachem. ^