Full text : Ferdinand Lassalle

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zufrieden  sei  —  er  hatte  keine  Zeit,  etwas  darauf  zu
erwidern,  denn  mein  Vater  trat  herzu,  und  das  Gespräch
wurde  allgemein.
Lassalle  war  den  ganzen  Abend  sehr  aufgeregt.  Ich
war  damals  noch  so  sehr  Kind,  daß  ich  die  ganze  Tiefe
seines  Gefühls  nicht  zu  würdigen  vermochte,  und  mir
war  es  an  diesem  Abend,  vor  dem  Teetische  sitzend,
nur  verdrießlich,  daß  alles  so  gekommen  war.  Biö  dahin
war  es  mir  in  der  Nähe  dieses  Mannes  so  wohl,  ich  konnte
seinen  Verstand,  seine  Energie,  sein  Genie  begreifen
und  würdigen.  Ich  hielt  mich  bis  zu  dieser  Zeit  für  seine
Schülerin,  höchstens  für  seine  junge  Kameradin,  und
das  freute  mich,  ich  fühlte  mich  in  seiner  Gegenwart
leicht,  er  schien  mir  wie  verwandt.  Und  jetzt  schien  sich
plötzlich  alles  verändert  zu  haben.  Er  war  mir  wie
fremd  geworden.  Weshalb  hatte  er  in  mir  das  Weib
erkannt!  Warum  mußte  er  mich  mit  dieser  alltäglichen,
gewöhnlichen  Liebe  lieben?  Das  war  für  niich  zu  beengend, ­
  für  ihn  zu  aufregend.  Ich  sah  darin  ein  Ende
unserer  Freundschaft.  Ich  konnte  in  mir  die  Erwiderung
auf  seine  Liebe  nicht  erwecken.  Weshalb?  Ich  weiß
es  selbst  nicht.  Ich  verstand  damals  noch  nicht  und
lernte  es  erst  viel  spater  fühlen,  was  Liebe  sei,  diese
alles  in  sich  aufnehmende,  alles  unpassende,  sich  selbst
nährende  Liebe,  welche  weder  „weshalb"  noch  „warum"
fragt,  das  ganze  Wesen  des  Menschen  beherrscht  und
den  Gegenstand  für  uns  so  teuer,  so  unentbehrlich  macht
wie  die  Luft,  die  wir  atmen.
Ich  wußte  nicht,  daß  wir  nur  dann  lieben,  wenn  wir
nicht  mehr  fragen  können,  wenn  wir  gezwungen  sind,  trotz
allem  Wunsche  „nein"  zu  sagen,  „ja"  sagen  zu  müssen.
            
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