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Begegnung in Berlin
Lassalle war an diesem Abend sehr interessant. Es
schien mir, als ob die frühere Zeit, die Zeit unserer
Freundschaft, zurückgekehrt sei. Es war niir wieder
leicht zumute in seiner Nähe, obschon Lässalle im all
gemeinen in trüber Stimmung war; er sprach viel
weniger und leiser als gewöhnlich; auch schwieg er öfters,
nachdenkend, längere Zeit. An diesem Abend, wo fort
während ein Schatten von wahrer Traurigkeit bei ihm
durchblickte, ohne den geringsten theatralischen Effekt,
zu dem er sonst häufig genug griff, schien er mir sehr
sympathisch. Um so mehr, da er in bezug auf mich nur
warme Freundschaft ausdrückte. Und gerade dies war
mir am wohltuendsten. Er blieb lange bei uns sitzen
und stand erst dann eilig auf und verabschiedete sich,
als er merkte, daß mein Vater ermüdet war.
Am anderen Tage um zehn Uhr morgens kann er an
gefahren und nahm uns mit sich nach Hause. Er wohnte
damals in einer schönen Straße, die ganz aus einer
Reihe von Villen bestand, der Bellevuestraße. Seine
-Wohnung war eine Mischung des verfeinertsten Kom
forts und Dilettantismus mit strengem Gelehrtentum;
die Verkörperung deö letzteren war sein Kabinett. Ein
nicht großes Zimmer mit einem großen Arbeitstisch,
bedeckt von verschiedenen Papieren und Schreibutensilien,
alles einfach, ernst und geschmackvoll. Am Tisch ein be
quemer Arbeitsstuhl. Alle Wände des Zimmers bis zur
Decke waren mit Regalen bedeckt, die mit Büchern,
teuren Folianten, altertümlichen Papyrus, Atlanten und
dergleichen vollgepfropft waren. Hier hing auch ein nicht